• vom 21.05.2012, 17:55 Uhr

Fußball

Update: 21.05.2012, 18:00 Uhr
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Montpellier ist die Ausnahme der Regel: Auch Außenseiter können im europäischen Fußball noch gewinnen

Avantgarde aus dem Süden



  • Erster Titel für die Aufzugsmannschaft, Krösus Paris muss weiter warten.

Montpellier. (sir) Wenn es schon als Überraschung gilt, dass der Mulitmillionenklub Chelsea die Champions League gewinnt, weiß man, wie es um den europäischen Fußball derzeit bestellt ist. In England hat Arsenal als Dritter 19 Punkte Rückstand auf Liga-Krösus Manchester City, in Italien lag der Dritte, Udinese, am Ende gar 20 Punkte hinter Platz eins (Juventus), und in Spanien haben Real und Barcelona das Verlieren gegen andere Mannschaften generell eingestellt.

Vor zwei Jahre waren Olivier Giroud (l.) und der Chilene Marco Estrada weitgehend unbekannt. Nun sind sie europaweit begehrte Kicker, und ihr Klub, Montpellier, ist überraschend französischer Meister.

Vor zwei Jahre waren Olivier Giroud (l.) und der Chilene Marco Estrada weitgehend unbekannt. Nun sind sie europaweit begehrte Kicker, und ihr Klub, Montpellier, ist überraschend französischer Meister.© dapd Vor zwei Jahre waren Olivier Giroud (l.) und der Chilene Marco Estrada weitgehend unbekannt. Nun sind sie europaweit begehrte Kicker, und ihr Klub, Montpellier, ist überraschend französischer Meister.© dapd

Angesichts dieser sehr klaren Hierarchien in den europäischen Ligen ist es umso erstaunlicher, dass Frankreich fünf verschiedene Meister in den vergangenen fünf Jahren erlebt hat. Nach Lyon, Bordeaux, Marseille und Lille hat sich am Sonntag Montpellier durch ein 2:1 bei Auxerre den Titel in der Ligue 1 gesichert. Wäre der Klub aus dem Süden an diesem Tag abgestiegen, hätte das vermutlich weniger Franzosen überrascht, denn Montpellier ist eine klassische Aufzugsmannschaft, die erst seit 2009 wieder erstklassig ist. Und das Budget des Vereins ist zudem im unteren Mittelfeld der Liga angesiedelt.

"Das tut dem Fußball gut. Und es zeigt, dass man niemanden fürchten soll", sagte Trainer René Girard, der vor Montpellier jahrelang diverse Auswahlmannschaften Frankreichs trainiert hatte. Vor drei Jahren nahm er dann das Angebot aus Montpellier an, wo seit Dekaden der etwas skurrile Loulou Nicollin Präsident ist, ein Klubchef der alten Schule, reicher Unternehmer (Abfallwirtschaft), zugleich passionierter Fan und derber Sprücheklopfer. "Montpellier als Meister? Also wenn ich Paris, Lille, Marseille oder Lyon wäre, würde ich mir eine Wurst in den Hintern stecken. Was wäre das für eine Schande für die", sagte er im Winter. Nun ist das Unwahrscheinliche tatsächlich eingetreten, der Underdog hat Paris St. Germain, den Krösus, knapp hinter sich gelassen.

Spätstarter Giroud
Beim 1:2 in Auxerre musste Montpellier nach einem Rückstand zwar noch einmal ordentlich zittern, zudem war die Partie mehrfach wegen Ausschreitungen der Auxerre-Fans unterbrochen, zwei Tore des Nigerianers John Utaka drehten aber die Partie zugunsten Montpelliers. "Für solche Momente spielen wir Fußball, das ist wirklich außergewöhnlich", sagte Olivier Giroud, der mit 21 Treffern gemeinsam mit Nenê von PSG Torschützenkönig wurde.

Der Aufstieg von Giroud steht auch sinnbildlich für jenen der gesamten Mannschaft. Zwar galt der Stürmer einmal als Talent und spielte in einer Jugend-Auswahl Frankreichs, doch erst im Vorjahr debütierte er, mittlerweile 26-jährig, im Nationalteam. Es ist eine sorgfältig und mit nur geringem Geldeinsatz zusammengestellte Truppe. In den vergangenen Jahren hat Montpellier nicht viel mehr Geld in Transfers gesteckt als Rapid Wien.

Bei Konkurrent Paris St. Germain war das Gegenteil der Fall. Die neuen Eigentümer aus Katar haben im Vorjahr fast 100 Millionen Euro investiert. Kein Wunder, dass nun die Häme in ganz Frankreich groß ist, wenn der im ausländischen Besitz stehende Luxusklub von einem kleinen Verein aus dem Süden Frankreichs, wo das Rugby dominiert, bezwungen wird. Doch den französischen Fans ist auch bewusst, dass sich das kleine Wunder von Montpellier nicht so bald wiederholen wird. Paris wird weiter aufrüsten, und für Montpellier wird es schwierig werden, seine besten Spieler zu behalten. Dazu zählt auch der für Marokko spielende Younès Belhanda, der wie zehn weitere Spieler in der klubeigenen Akademie ausgebildet wurde.

Auxerre als Warnung
"Diesen Titel werde ich feiern. Auch, weil es vermutlich das einzige Mal sein wird, dass mir das passieren wird", sagte Torhüter Geoffrey Jourdren. Auch er glaubt offenbar nicht an einen nachhaltigen Erfolg der Aufzugsmannschaft. Und ein Blick zum finalen Gegner der Meisterschaft gibt ihm recht. Vor zwei Jahren noch war Auxerre bis vier Runden vor dem Ende ein seriöser Titelanwärter und wurde schließlich Dritter. Obwohl es dem Klub danach gelang, bis auf zwei, drei Ausnahmen die Stammspieler zu behalten, folgte der Rückfall. Als Letzter steigt Auxerre nun ab. Im Fußball ist nichts so alt wie die Überraschung von gestern.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-21 17:41:09
Letzte Änderung am 2012-05-21 18:00:47


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