Wien. Marcel Koller steht vor dem Spiel gegen Deutschland vor einer kniffligen Entscheidung: Wer soll stürmen? Der schnelle Martin Harnik wie gegen die Türkei? Marc Janko, der Strafraumspezialist, der aber erst einen 18-minütigen Einsatz in dieser Saison in den Beinen hat? Oder doch Marko Arnautovic, der bei Bremen zuletzt stark gespielt hat, allerdings am rechten Flügel?

Von dieser Entscheidung hängt viel ab. Viele Chancen wird Österreich beim Auftakt zur WM-Qualifikation am 11. September nicht bekommen. Kann der bewegliche Harnik mehr kreieren? Ist er effektiv genug? Ist Janko schon fit für einen Einsatz von Beginn an? Wer passt am besten ins taktische Konzept von Koller?
Mit Fragen dieser Art muss sich der Teamchef in diesen Tagen beschäftigen, am Ende wird wohl nur das Ergebnis darüber urteilen, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat. Doch das ist Traineralltag. Für Marc Janko hat sich dagegen vor zehn Tagen eine Situation ergeben, die alles andere als Alltag ist, zumindest hat er sie in seiner bisherigen Karriere nicht erlebt.
Auf einmal zweite Wahl
Beim Saisonabschlussgespräch mit seinem Trainer beim FC Porto hatte ihm Vítor Pereira erklärt, dass er weiter auf ihn setzen werde. Und er sagte das auch noch, als sich Janko in der Vorbereitung eine Muskelverletzung zuzog. "Es war alles perfekt", erzählt Janko. Eine Woche vor dem Transferschluss folgte dann ein weiteres Gespräch: "Plötzlich hat es geheißen, dass ich nicht mehr erste Wahl bin, dass ich keine Chance habe und frei bin, zu gehen."
Sechs Tage hatte Janko Zeit, eine Entscheidung zu treffen, am 31. August schließt in Europa das Transferfenster. "Ich habe es mir nicht leicht gemacht und auch schlaflose Nächte gehabt." Spieler verletzen sich bisweilen, Stürmer treffen auf einmal nicht mehr, wer weiß, wie sich Neuzugang Jackson Martínez beim FC Porto entwickelt hätte. "Ich habe es dann eher aussichtslos gesehen."
Der türkische Spitzenklub Trabzonspor hatte schon im Winter die Fühler ausgestreckt und wollte den 29-Jährigen unbedingt verpflichten. "Sie haben sich wirklich unglaublich um mich bemüht", sagt Janko. Aber FC Porto ist eben doch ein anderes Niveau, ein Verein von internationalem Format. Leihgeschäfte standen auch im Raum, "aber ich wollte kein Leiharbeiter sein, ich wollte, dass ein Verein voll hinter mir steht." Also aussitzen, warten? Oder nach Trabzon ans Schwarze Meer? Janko nahm Kontakt mit seinen in der Türkei spielenden ÖFB-Kollegen auf, um sich zu erkundigen.
"Es war eine Entscheidung gegen mein Ego, ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich keine Chance mehr bei Porto habe", sagt er. "Im Vergleich zu Porto ist es schon ein Schritt zurück, aber manchmal muss man eben einen Schritt zurück machen."
Per Privatjet nach Trabzon
Noch vor Transferschluss entschied sich Janko für den Wechsel. Via Salzburg ging es dann im Privatjet des Vereinspräsidenten nach Trabzon. "Es war eigentlich streng geheim, aber irgendwie dürfte das durchgesickert sein. Auf dem Flughafen haben schon Fans und Medien gewartet", sagt Janko. Auf der Klubwebseite sind Fotos seiner Ankunft zu sehen, die Janko zwar lächelnd, aber ein wenig überfordert zeigen. "Es waren überall Scheinwerfer, ich habe nicht mehr gesehen, wo ich hin muss. Die Türken sind beim Fußball eben sehr euphorisch."
Wo die Euphorie groß ist, ist die Erwartungshaltung nicht weit: "Ich bin die Hoffnung, dass die Probleme von Trabzonspor im Angriff gelöst werden", erzählt Janko. Nachsatz: "Wenn es überhaupt Probleme gibt." Denn noch kennt Janko seine Mannschaft kaum, einige Deutsch-Türken, darunter Teamspieler Halil Altintop, erleichtern Janko zumindest sprachlich den Start, einige Spieler kennt er aus dem Fernsehen wie etwa den Ivorer Didier Zokora. "Es ist eine gute Mannschaft, technisch sehr stark."
Im ersten Spiel in Gaziantep wirkte Janko nur 18 Minuten mit, Trabzonspor verlor mit 0:1 gegen das Team von Yasin Pehlivan. Ob diese 18 Minuten schon reichen für das Deutschland-Match? Im ersten Training beim ÖFB-Team wirkte Janko noch etwas verhalten, beinahe ein wenig unsicher, doch das kann sich schnell ändern. Das Nationalteam spielte jedenfalls bei seiner Entscheidung zugunsten Trabzonspor eine Rolle. "Es war eine Entscheidung aus sportlichen Gründen", sagt er. Jetzt steht nur noch Kollers Entscheidung aus. Wenn sie nicht schon gefallen ist.
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