• vom 03.10.2012, 17:31 Uhr

Fußball


Champions League

Das Ende der Idylle




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  • Sammers Kritik an der Mannschaft verfehlte ihre Wirkung
  • Bei Bayern München brechen nach dem 1:3 gegen Borisow Konflikte auf.

Zwischen Trainer Jupp Heynckes (l.) und Sportdirektor Matthias Sammer (r., dazwischen Peter Hermann und Hermann Gerland) hat momentan mehr als ein Löschblatt Platz.

Zwischen Trainer Jupp Heynckes (l.) und Sportdirektor Matthias Sammer (r., dazwischen Peter Hermann und Hermann Gerland) hat momentan mehr als ein Löschblatt Platz.© REUTERS Zwischen Trainer Jupp Heynckes (l.) und Sportdirektor Matthias Sammer (r., dazwischen Peter Hermann und Hermann Gerland) hat momentan mehr als ein Löschblatt Platz.© REUTERS

Minsk. (art) Die Ruhe, die am Bankett von Bayern München herrschte, hatte fast schon gespenstische Züge. Wie gewöhnlich wurde gut gespeist, wie gewöhnlich erhob sich Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende, zu einer Rede. Doch die fast schon stoische Art und Weise, wie er sie vortrug, sagte vielleicht mehr über die Unruhe hinter den Kulissen aus, als sich Rummenigge selbst bewusst war. Kurz vorher hatten die Münchner, die davor neun Pflichtspiele hintereinander gewonnen beziehungsweise überhaupt noch nie in dieser Saison verloren hatten, gegen Bate Borisow eine 1:3-Niederlage in der Champions League bezogen. In der Gruppe F liegen sie nach zwei Spieltagen und vor den am 23. Oktober und am 7. November anstehenden Duellen gegen Nachzügler Lille nur an der dritten Stelle, hinter den überraschend führenden Weißrussen und Valencia.

Doch Rummenigge verwehrte sich in seiner Ansprache einer pauschalen Manöverkritik, stattdessen sprach er davon, was noch alles möglich sei. "Es ist ohne Zweifel eine Niederlage, die weh tut. Aber wichtig ist, dass wir richtig darauf reagieren und sie noch korrigieren können", sagte er. Solch sanfte Wortwahl überrascht nach einer nicht einkalkulierten Niederlage gegen den Außenseiter, gegen den der Finalist des Vorjahres zwar stark gestartet, aber in der zweiten Hälfte ebenso stark nachgelassen hatte. Doch Rummenigge meint: "Ich denke, es macht keinen Sinn, zu kritisch zu sein."


Nur nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer gießen, heißt offenbar die Devise. Denn hinter der Idylle eines vor dem Borisow-Ausrutscher makellosen Saisonstarts offenbarten sich schon in den vergangenen Tagen offene Gräben. Seitdem Sportdirektor Matthias Sammer die Leistung beim 2:0 gegen Werder Bremen am Samstag als "zu wenig gallig", "lätschern" und "lange Zeit richtigen Käse" abgetan hat, herrscht Funkstille zwischen ihm und Trainer Jupp Heynckes. Gegenseitige Vorwürfe wurden allenthalben über die Medien ausgerichtet. Auch vor dem Spiel in Weißrussland hatte Heynckes die Gelegenheit genützt, um Sammers Aussagen als "Populismus, den wir nicht brauchen können", anzuprangern.

Zwar endet Heynckes Vertrag ohnehin zu Saisonende, doch mittlerweise fragen sich viele, ob er überhaupt so lange im Amt bleiben wird, selbst wenn die hohen Ziele noch erreichbar sind. Denn Konfliktpotenzial ist reichlich vorhanden: Hier Heynckes, ein Trainer der alten Schule, der öffentlich auf Harmonie bedacht ist, dort Sammer, der Revoluzzer, der offenbar genau dafür geholt wurde, auch einmal brachialgewaltig auf den Tisch zu hauen, nachdem seinem Vorgänger Christian Nerlinger mangelndes Profil zum Verhängnis geworden war.

"Sein gutes Recht"
Daran, dass er sich auch künftig nicht von seiner Tonart abbringen lassen werde, ließ Sammer auch in Minsk keinen Zweifel. Wer ihn kenne, wisse, dass die Aussagen im Grunde "noch ziemlich harmlos" gewesen seien, sagte er. Die Spieler, die sich nach dem 1:3 in vager Selbstkritik übten - "wir haben zu wenig konsequent nach vorne gespielt", erklärte Kapitän Philipp Lahm -, haben offenbar kein Problem damit, bleiben aber diplomatisch. "Es ist sein gutes Recht, unser Auftreten zu kommentieren. Genauso ist es das Recht des Trainers", meinte Toni Kroos. Und auch Rummenigge, der den mit einem Vertrag bis 2015 und allumfassenden sportlichen Kompetenzen ausgestatteten Sammer bei dessen Bestellung im Sommer schon als das "künftige Herzstück des FC Bayern" bezeichnet hatte, glaubte vor dem Borisow-Spiel noch an die positive Signalwirkung von Sammers Aussagen. "Dieses ständige Loben, diese permanente Euphorie" gefalle ihm ohnehin nicht, meinte er. Vielleicht sieht er das nun anders. So zumindest kann man seine Milde gegenüber den Verlierern von Minsk interpretieren.




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Dokument erstellt am 2012-10-03 17:39:07



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