Hamburg/Wien. Bei der Erinnerung an die alten Zeiten, an die Gastspiele im Millerntorstadion des FC St.Pauli, muss Michael Frontzeck schmunzeln. Vor fast genau 14 Jahren, am 15. Oktober 1988, erlebte er als junger Profi von Borussia Mönchengladbach zum ersten Mal, was es heißt, bei diesem etwas anderen Fußballverein im Herzen Hamburgs nahe der Reeperbahn vor diesem schrill-bunten Publikum antreten zu dürfen. "Es war schon früher etwas Besonderes, hier zu spielen. Das hatte so ein englisches Flair. Im alten Millerntorstadion musste man auf dem Weg von den Kabinen zum Spielfeld noch durch eine Kneipe gehen - da hatte man eine Zigarette inhaliert, ohne eine auf den Lippen gehabt zu haben", sagt Frontzeck.

Seit wenigen Tagen ist der 48-jährige Fußballlehrer ein Mitglied der braun-weißen Familie. Frontzeck ist der neue Trainer des deutschen Zweitligaklubs FC St. Pauli, der am Samstag (14.30 Uhr) in Wien-Dornbach ein Gastspiel gegen den SC Wiener Viktoria geben wird. Zuvor war Frontzeck, ein Freund des Viktoria-Cheftrainers Toni Polster, 19 Monate lang ohne Trainerjob gewesen.
Die Notsituation machte kreativ
"St. Pauli ist ein außergewöhnlicher Klub. Ich habe mir nach meiner Entlassung in Mönchengladbach Zeit genommen, um das Richtige auszuwählen. Da braucht man ein bisschen Geduld, um nicht das Erstbeste auszuwählen. Im Grunde genommen habe ich tief im Inneren auf St. Pauli gewartet. Der Verein strahlt etwas aus. Wahrscheinlich hätte ich ihn auch in der vierten Liga übernommen, denn mit Fantasie kann man sich bei diesem Klub etwas ausmalen", sagt Frontzeck, der von den politisch links stehenden Fans flugs "Front-Zecke" getauft wurde.
Ein Hang zur Fantasie ist nicht das Schlechteste, um diesen Verein zu verstehen. Erinnert sei da nur an die schwierigen Zeiten, die nach der Saison 2002/03 mit dem Abstieg in die Drittklassigkeit begannen. Der Verein stand vor der Insolvenz. Es musste dringend viel Geld her. Das war der Startschuss für eine Retterkampagne, die innerhalb von drei Monaten weit mehr als die benötigten 1,95 Millionen Euro einbrachte. Allein durch die 140.000 verkauften "Retter"-T-Shirts wurden 900.000 Euro in die Kassen gespült. Dann gab es die Aktion "Saufen für St. Pauli", und auch der FC Bayern München kam zu einem Benefizspiel. Im Jahr darauf konnten Fans die Patenschaft für ein Stück Rasen des Millerntorstadions erwerben, und im Mai 2005 wurde eine Dauerkarte auf Lebenszeit angeboten.
Gemessen daran ging es in der jüngeren Vergangenheit eher etwas ruhiger zu. Gewiss, der ehemalige Präsident Corny Littmann hatte im Dezember 2006 als Baggerfahrer mit dem Abriss der alten Südtribüne des Stadions begonnen, ohne im Besitz einer Genehmigung für den Neubau zu sein. Doch dadurch wurde das Projekt Millerntorstadion immerhin angeschoben. In Kürze ist die dritte Tribüne fertiggestellt.
"Viktoria ein ähnlicher Verein wie unserer"
Es ist eher die sportliche Situation, die derzeit Anlass zur Sorge gibt. St. Pauli belegt in der zweiten deutschen Bundesliga nach neun Runden mit sieben Punkten nur den vorletzten Tabellenplatz. Nun ist Frontzeck, der Nachfolger von André Schubert, der Hoffnungsträger. Am Dienstag gelang ihm mit seiner neuen Mannschaft in einem Testspiel gegen den Bundesligaklub Greuther Fürth mit einem 1:0 schon einmal ein Achtungserfolg. "Die Mannschaft hat sich gut präsentiert. Das wollen wir jetzt am Samstag in Wien fortsetzen. Ich weiß nicht, was uns dort erwartet, aber wir werden das Spiel sehr ernst nehmen. Wir wollen schließlich mit einem guten Gefühl in das Zweitligaspiel beim SC Paderborn gehen", sagt Frontzeck.
Für Teammanager Christian Bönig gehe die Partie in Wien aber über den Charakter eines normalen Testspiels hinaus, wie er erklärt. "Wir haben gesehen, mit wie viel Herzblut, Liebe und Akribie beim SC Wiener Viktoria am Zustandekommen dieser Partie gearbeitet wurde. Es ist ja ein ähnlicher Klub wie unserer, beide sind eher Nischenvereine. Wir hatten vom ersten Tag an ein gutes Gefühl dabei. Und wir haben gesagt: ,Wenn es zeitlich passt, fliegen wir hinunter. Jetzt ist es so weit. Und ich gehe davon aus, dass die Reise dorthin uns total viel Spaß machen wird", sagt Bönig.
"Ich habe immer gesagt: ,Nimm mir alles, aber nicht den Ball‘", meinte Marko Arnautovic unlängst anlässlich seiner Suspendierung bei Werder...
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