• vom 26.02.2013, 17:17 Uhr

Fußball

Update: 27.02.2013, 08:55 Uhr

Fußball-WM

"Demokratie mit Füßen getreten"




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Von Reinhard Krennhuber*

  • Rio kämpft eineinhalb Jahre vor der Fußball-WM mit zahlreichen Baustellen
  • Der Geograf Chris Gaffney erwartet Probleme mit Confed-Cup - und danach.

Chris Gaffney betrachtet die Veränderungen in Rio mit kritischen Augen.

Chris Gaffney betrachtet die Veränderungen in Rio mit kritischen Augen.© Privat Chris Gaffney betrachtet die Veränderungen in Rio mit kritischen Augen.© Privat

Rio de Janeiro befindet sich im Umbruch. 470 Tage vor Beginn der Fußball-WM in Brasilien ist das Stadtbild von aufgerissenen Straßen und Baustellen geprägt. Historische Gebäude werden renoviert, neue Touristenattraktionen entstehen, in vielen Favelas haben Polizei und Militär die Kontrolle von den Drogenbanden übernommen. "Rio verändert sein Gesicht", sagt Chris Gaffney. Ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist, denn zwei Jahre nach der WM stehen der Stadt noch die Olympischen Spiele ins Haus. Der Städteplaner hat jedoch Zweifel, dass sich dadurch die Lebensumstände für die zehn Millionen Menschen verbessern, die im Großraum Rios zuhause sind.

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"Wiener Zeitung": Vergangene Woche hat es einen Streik von Bauarbeitern im Maracanã-Stadion gegeben. Dazu kommen Berichte über explodierende Kosten und Bauverzögerung. Wird Brasiliens Nationalstadion zum Confederations Cup fertig?

Chris Gaffney: Probleme sind programmiert, selbst wenn das Stadion selbst rechtzeitig fertig werden sollte. Das gesamte Gelände wird beim Confed-Cup einer Baustelle gleichen, und die großen Verkehrsprojekte werden ebenfalls nicht fertig sein. Außerdem erwarte ich Probleme mit dem Rasen im Maracanã, weil der zu spät eingesetzt wird und nicht genug Zeit bekommt, sich zu entwickeln.

Worum ist es bei dem Streik gegangen?

Information

Der Geograf Chris Gaffney lebt
seit vier Jahren in Rio de Janeiro und unterrichtet als Gastprofessor für Architektur und Städtebau an der Universidade Federal Fluminense in Niteroi. Der 42-jährige US-Amerikaner ist Autor des Buchs "Temple of the Earthbound Gods. Stadiums in the Cultural Landscapes of Rio de Janeiro and Buenos Aires" und verfolgt die WM- und Olympiavorbereitungen in seinem Blog "Hunting the White Elephants" (www.geostadia.com).

Es war eine eintägige Niederlegung, bei der die Arbeiter eine zehnprozentige Steigerung ihrer Löhne und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen gefordert haben. Der Präsident des Bundesstaates Rio hat sich eingeschaltet und vermittelt zwischen der Gewerkschaft und den am Stadionbau beteiligten Firmen. Zu den Hintergründen gibt es zwei Deutungsmöglichkeiten: Einerseits ist es natürlich eine gute Zeit für die Arbeiter, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, weil die Behörden unter Zeitdruck stehen und das Stadion deutlich vor der WM an die Fifa übergeben müssen. Andererseits sind Spekulationen laut geworden, dass der Streik inszeniert war, um den Verantwortlichen eine gute Ausrede für die Verzögerungen zu geben.

Durch den Umbau des Maracanã und die damit verbundene Privatisierung sind kulturelle Einrichtungen und Trainingsstätten von Sportlern von Schließung bedroht. Können Sie diese Entwicklungen zusammenfassen?

Das Estádio Mário Filho, wie das Maracanã offiziell heißt, ist nur ein Teil des Stadionkomplexes, auf dem sich auch die Arthur-Friedenreich-Grundschule (Anm: benannt nach einem der ersten schwarzen Stars des brasilianischen Fußballs) befindet. Sie war von Schließung bedroht. Bürgerbewegungen haben aber dagegen mobilgemacht und erreicht, dass der Fortbestand zumindest für heuer gesichert ist. Weiters befindet sich eines von zwei olympischen Schwimmbecken in Rio am Stadiongelände, das ebenso wie eine Trainingsanlage für Leichtathleten im Zuge der Privatisierung zerstört werden soll. Das könnte mit sich bringen, dass die olympischen Athleten aus Rio wegen eines olympischen Bauprojekts ohne Trainingsmöglichkeiten dastehen. Noch absurder wird es, wenn man bedenkt, dass im Maracanã keine olympischen Bewerbe, sondern nur die Eröffnungs- und Schlusszeremonie stattfinden werden. Ein weiterer Schauplatz ist das Aldeia Maracanã, eine 160 Jahre alte Kulturinstitution der Indios. Die Regierung hat mittlerweile von Plänen abgesehen, es niederzureißen. Die Indios, die es besetzt halten, werden aber nicht bleiben können, weil dort ein Museum für das Internationale Olympische Komitee entstehen soll.

Was sagen diese Prozesse über das Demokratieverständnis in Brasilien aus?

Die Demokratie wird in den Vorbereitungen auf die Fußball-WM und die Olympischen Spiele mit Füßen getreten. Es gibt einen riesigen Graben zwischen den Vorstellungen der Menschen und den Politikern, die sie eigentlich repräsentieren sollten. Zur Organisation der Großereignisse wurden teilprivatisierte Einrichtungen geschaffen, die das öffentliche Geld verwalten. Dort herrscht ein krasser Mangel an Transparenz, Kompetenz und Kreativität. Im Fall des Maracanã gibt zu wenig Dialog mit den Menschen, die das Stadion täglich genutzt haben. Das Maracanã ist in zwölf Jahren dreimal umgebaut worden und war in den letzten acht Jahren die Hälfte der Zeit geschlossen. Die Umbauten haben 570 Millionen Euro an Steuergeld verschlungen - mit dem Effekt, dass eine historische Stätte des brasilianischen Fußballs kaum wiederzuerkennen ist.

Sie leben seit mehreren Jahren in Rio de Janeiro. Wie hat sich die Stadt durch die Vorbereitungen auf die beiden Großereignisse verändert?

Ich sehe die WM und Olympia als Katalysatoren für Veränderungen, die auch davor schon zu beobachten waren. Nationale und globale Investoren versuchen aus dem Potenzial der Stadt innerhalb kurzer Zeit möglichst hohe Gewinne zu lukrieren. Rio verändert sich an allen Ecken und Enden: Es gibt unzählige Bauprojekte, Gentrifizierungsprozesse, Militarisierung. Die Fundamente der allgemeinen Infrastruktur werden jedoch nicht verbessert. Das Kanalisationssystem von Rio ist in einem katastrophalen Zustand: Die Strände und das Meer werden zusehends verschmutzt. Der Verkehr ist nur auf Autos und Busse ausgelegt, die die Stadt ohnehin schon lahmlegen. Durch Projekte wie jenes der Hochgeschwindigkeitsbusse müssen eigene Straßen geschaffen werden. Die Mobilität der breiten Masse wird dadurch nicht gesteigert, allerdings werden 40.000 Bewohner von Rio dafür aus ihren Häusern und Wohnung verdrängt. Es wird keine öffentliche Verkehrsverbindung zwischen den beiden Flughäfen der Stadt geben und keinen signifikanten Ausbau des U-Bahnnetzes und des innerstädtischen Schiffsverkehrs. Bei alldem vermisse ich eine übergeordnete Strategie.

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Schlagwörter

Fußball-WM, Rio, Brasilien

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Dokument erstellt am 2013-02-26 17:20:06
Letzte Änderung am 2013-02-27 08:55:50



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