• vom 06.11.2014, 16:42 Uhr

Fußball


DDR

Niedergang in Raten




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Von Christoph Rella

  • Mit dem Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren kam es auch im DDR-Fußball zu einem Umbruch. Ein Rückblick.

Anfang vom Ende: 1989 siegte Österreich (mit Toni Polster) gegen die DDR mit 3:0.

Anfang vom Ende: 1989 siegte Österreich (mit Toni Polster) gegen die DDR mit 3:0.© R. Jäger/picturedesk.com Anfang vom Ende: 1989 siegte Österreich (mit Toni Polster) gegen die DDR mit 3:0.© R. Jäger/picturedesk.com

Berlin. Es war die letzte Partie der ostdeutschen Nationalmannschaft gegen Österreich. Und die ging für die DDR nicht gut aus. Gleich mit drei Treffern hatte Toni Polster an jenem 15. November 1989, wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer, die Auswahl von Josef Hickersberger in Wien zum 3:0-Sieg und die Nation zur WM-Endrunde in Italien geschossen.

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Grund zum Jubeln hatten die ostdeutschen Fans am Ende dennoch, war doch für viele Anhänger bald nicht mehr die Auswahl des Arbeiter- und Bauernstaates, sondern nur noch das als gesamtdeutsch verstandene Wunderteam von Franz Beckenbauer das Maß aller Dinge. Dementsprechend bewegt wurde daher dann auch der WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Juli 1990 in Rom gefeiert - im Westen wie auch im Osten. Die munteren Prophezeiungen, wonach dem noch geteilten Land eine rosige Zukunft - allen voran im Sport - beschieden sei, schienen sich zu bewahrheiten. "Die Vereinigung ist unaufhaltsam, und sie kommt schnell", hatte etwa die "New York Times" im November 1989 vorausgesagt. "Und dann könnt ihr Deutschen euch über den Sport freuen. Ihr werdet die Nummer eins werden." In dieselbe Kerbe schlug auch Beckenbauer, der - angesteckt von der Euphorie über den WM-Sieg - acht Monate später meinte, dass das Nationalteam zusammen mit den hochtalentierten Kickern aus der DDR "unschlagbar" werde.

Und auch wenn die Rechnung des Trainers so nicht ganz aufgehen sollte, gefragt waren die Fußballer aus dem Osten allemal. Die politische Vereinigung sowie die Umstellung der staatlich gelenkten Sportstrukturen in der DDR waren noch nicht abgeschlossen, hatten sich bereits Talente-Scouts und Manager aus dem Westen auf die besten Oststars wie Andreas Thom, Matthias Sammer, Thomas Doll, Ulf Kirsten oder später Michael Ballack gestürzt und für ihre Vereine verpflichtet. Rund 150 ehemalige DDR-Spieler sollen auf diese Weise in den ersten fünf Jahren nach der Wende zu Westvereinen der ersten oder zweiten Bundesliga gewechselt sein.

Für die Klubs aus dem Osten markierte der personelle Aderlass den Anfang vom Ende. Heute sind alle DDR-Mannschaften, die noch im Jahr nach der Wende erstklassig gewesen waren, von der großen Fußballbühne verschwunden. Weder dem 1. FC Magdeburg, immerhin Europacup-Gewinner von 1974, noch den Europacup-Finalisten FC Carl Zeiss Jena (1981) und Lok Leipzig (1987) blieb der Absturz in die Bedeutungslosigkeit erspart. Genauso wenig dem zehnfachen DDR-Meister BFC Dynamo, der einst direkt dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt war - Stasi-Boss Erich Mielke galt als glühender Anhänger des Klubs und ließ bei Bedarf das eine oder andere Ergebnis manipulieren - und heute sein Dasein in der Regionalliga Nordost fristet. Am längsten konnte sich in der deutschen Bundesliga, die immerhin 1991 noch acht Ostklubs zählte, Energie Cottbus halten - bis 2009. In der zweiten Bundesliga sind derzeit - mit Ausnahme von Union Berlin und Erzgebirge Aue - keine DDR-Klubs mehr vertreten. Lok Leipzig, die aus den 1893 gegründeten Sportbrüdern Leipzig hervorgegangen ist und seitdem mehr als ein Dutzend Namensänderungen erfahren hat, spielt heute in der fünften Liga, die Vereine Magdeburg und Jena kicken in der vierten.

Abtritt in Würde
Was nun die Gründe für den raschen Niedergang betrifft, so sind sich Sporthistoriker einig: Mit der Wiedervereinigung hatten die Betriebssportgemeinschaften, die in der DDR von Staat, Polizei, Armee und großen Kombinaten finanziert wurden, über Nacht ihre wirtschaftliche Grundlage verloren, zudem mangelte es an Erfahrungen im Profi- und Marktwirtschaftsbereich. Dies wussten wiederum windige "Helfer" - wie der hessische Unternehmer Rolf-Jürgen Otto in Dresden - auszunützen, die anstatt zu investieren die Klubs ausnahmen und zugrunde wirtschafteten, wie Eduard Geyer, der letzte DDR-Auswahltrainer, in einem Interview erzählte. Sein Fazit: "Die Vereine selbst haben zu wenig daraus gemacht und sind auf Traumtänzer hereingefallen."

Die Chance, aus der ostdeutschen Nationalmannschaft etwas zu machen, blieb Geyer allerdings verwehrt. Als er am 6. September 1989 das Amt des DDR-Teamchefs übernahm, konnte er wohl noch nicht wissen, dass seine Ära nicht länger als ein Jahr währen würde - genau genommen bis zum 12. September 1990. An diesem Tag bestritt die Nationalmannschaft in Brüssel gegen Belgien ihr letztes Länderspiel. Vom Kader war damals nur noch ein Rumpfteam von 13 Mann übrig, Geyers Notelf verabschiedete sich aber in Würde von der Weltgeschichte: mit einem 2:0-Sieg. "Ich habe mich bei allen bedankt, dass sie dabei waren", erinnert sich der Teamchef. "Danach sind wir auseinandergegangen, und jeder hat versucht, seinen Platz zu finden."

Chronologie

9. November 1989: Öffnung der Berliner Mauer.

15. November: Österreichs Nationalmannschaft fixiert mit einem 3:0-Sieg gegen die DDR die Teilnahme an der WM-Endrunde 1990 in Italien. Es ist das letzte Zusammentreffen einer ÖFB-Elf mit dem ostdeutschen Team.

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Schlagwörter

DDR, Fuball, Geschichte, Berliner Mauer

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Dokument erstellt am 2014-11-06 16:47:07



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