• vom 11.03.2017, 07:00 Uhr

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"Wilder" Fußball von unten




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Von Benjamin Schacherl

  • Abseits bestehender Verbandsstrukturen und ohne jeden Leistungsdruck - so stellen sich die Gründungsmitglieder der "Wilden Liga" ihren Fußball in Wien vor. Auch auf Schiedsrichter wird verzichtet.

Daniel Harrasser und seine Vision von Fußball ohne Kommerz. - © Foto: Carl Johann Holzer

Daniel Harrasser und seine Vision von Fußball ohne Kommerz. © Foto: Carl Johann Holzer

Wien. Rund vierzig Menschen haben sich Ende Februar im Versammlungsraum im Obergeschoß des Amerlinghauses im siebten Wiener Bezirk eingefunden. Die alten Holztische sind ähnlich wie in einer Schulklasse aufgestellt, nur ein kleiner Tisch steht am anderen Ende des Raumes, an ihm nimmt Daniel Harrasser Platz. Dem 29-Jährigen ist diese Anordnung geläufig, er ist Deutsch- und Geschichte-Lehrer an einem Gymnasium in Wien-Floridsdorf. Harrasser ist aufgeregt, so viele Gäste habe er nicht erwartet. Es gibt Bier, Wasser und Kaffee, wer will, kann dafür ein paar Münzen in eine Box werfen.

In den Räumlichkeiten des ehemals besetzten Hauses wird heute eine alternative Fußballliga, die "Wilde Liga Wien", gegründet. Harrasser hat als Obmann des Kleinfeldligavereins "Fußball und Kultur Rüdengasse" viele negative Beispiele erlebt: "Rassismus, Diskriminierung, starre Hierarchien, mangelnder Respekt voreinander, fehlende Transparenz", zählt er auf. All das habe ihn dazu motiviert, ein eigenes Projekt zu gründen. Es folgte ein Word-Dokument, in dem er seine Ideen gesammelt hat. Die Eckpfeiler der Wilden Liga sollen Gleichberechtigung, Diversität und gegenseitiger Respekt sein, ungeachtet von Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder Herkunft. Als er Freunden und Bekannten von seiner Idee erzählt hat, habe es gemischte Reaktionen gegeben. "In der linken Szene gibt es vielerorts Skepsis gegenüber dem Fußball", sagt Harrasser, der Fan des Regionalligisten Wiener Sportklub ist. Die Verbände seien korrumpiert, das Fußballsystem ein Hort des Kapitalismus. "Der etablierte Verbandsfußball frisst das Spiel", sagt Harrasser. Er will sich "seinen" Fußball zurückholen, zumindest ein Stück davon.

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Dementsprechend lauten die Leitsprüche, die auf dem großen Transparent, das die Längsseite des Raumes schmückt, festgehalten sind. "Die Würde des Balles ist unantastbar", steht da geschrieben. Und: "Il vero calcio lo giochiamo noi" - "Den wahren Fußball spielen wir." Der Spruch stammt aus Italien, wo autonomer und selbstorganisierter Fußball dank der Bewegung des "Calcio Popolare" schon länger regen Zuspruch findet. Das Transparent trifft den Geschmack der Anwesenden, die bei der Vorstellungsrunde zu Beginn darüber sprechen, was sie sich von dem Projekt erwarten. Niederschwellig und kostenlos soll es sein, sagen einige. Ein paar Anwesende merken gleich zu Beginn an, dass sie eigentlich nichts mit Fußball zu tun hätten. Zum Beispiel die drei Mitglieder des antifaschistischen Motorradklubs "Kuhle Wampe". Sie sind zum Treffen gekommen, weil sie die politischen Aspekte des Projektes spannend finden würden. Die übrigen an der Wilden Liga interessierten Teilnehmer spielen zumeist hobbymäßig Fußball, so auch die Mitglieder der "Guardia Rossa", eines linksgerichteten, ultra-orientierten Fanklubs des Fünftligisten SC Red Star Penzing. Ebenso vertreten sind Schwarz-Weiß Augustin, das Fußballteam der Wiener Straßenzeitung, und die Ballerinas, ein queeres Fußballteam. Alle eint der Wunsch, dass die sportliche Leistung nicht im Zentrum der Wilden Liga stehen soll. Ein Diskutant erzählt, dass er als Kind noch gerne Fußball gespielt habe, er später aber mit dem steigenden Leistungsdruck die Lust am Spiel verloren habe. "Ich träume davon, dass das etwas wird, zu dem ich gerne meine kleine Tochter mitnehme, weil die Werte, die vermittelt werden, passen", sagt ein anderer Teilnehmer über seine Erwartungen. In weiterer Folge wird auch darüber diskutiert, ob und wie erzielte Tore gezählt werden sollen, wobei dieser Gedankenansatz nur bei wenigen Teilnehmern Anklang findet.

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Dokument erstellt am 2017-03-10 16:51:05



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