• vom 16.06.2017, 16:27 Uhr

Fußball

Update: 16.06.2017, 16:58 Uhr

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Härtetest für den Videobeweis




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Von Christian Mayr

  • Beim Confed-Cup in Russland kommen die neuen Video-Assistenten erstmals bei einem relevanten Turnier zum Einsatz.

Auf den Referee mit dem Kamerablick setzt die Fifa große Hoffnungen. Das Spiel verändern wird der Video-Assistent ganz bestimmt.

Auf den Referee mit dem Kamerablick setzt die Fifa große Hoffnungen. Das Spiel verändern wird der Video-Assistent ganz bestimmt.© afp Auf den Referee mit dem Kamerablick setzt die Fifa große Hoffnungen. Das Spiel verändern wird der Video-Assistent ganz bestimmt.© afp

Wien. Wer kennt’s nicht? Das Wembley-Tor (WM 1966), die Hand Gottes (WM 1986) oder die Lampard-Latte (WM 2010): Also große Fehlentscheidungen in großen Spielen, die das Fußballvolk auch Jahrzehnte später noch diskutieren lassen und somit untrennbar zur DNA des Sports gehören. Doch mit derlei Mythen und Legenden, die auf strittigen oder falschen Schiedsrichterentscheidungen basieren, soll künftig Schluss sein, denn der Weltfußballverband Fifa setzt nach Jahren der Verweigerung nun massiv auf den Videobeweis. Nach ersten Tests in Nachwuchsturnieren, Cup-Bewerben und internationalen Freundschaftsspielen steht nun ab Samstag der große Härtetest bevor: Der mit der Partie Russland gegen Neuseeland (17Uhr/ORFeins) beginnende Confed-Cup ist nicht nur die Generalprobe der WM 2018, sondern auch jene für die neuen Video-Assistenten, die dann auch bei der Endrunde im Regelbetrieb zum Einsatz kommen sollen - vorausgesetzt, die Fifa-Regelhüter geben im März 2018 nach der Testphase grünes Licht.

In den 16 Spielen des Confed-Cups (Finale am 2. Juli) wird der Schiedsrichter von einem Video-Assistenten, der über alle Kamerabilder verfügt, unterstützt, indem er ihn auf Fehlentscheidungen oder übersehene Aktionen via Funk und Headset hinweist; ist sich der Unparteiische nicht sicher, kann er sich die Szene selbst am Spielfeldrand auf einem Monitor noch einmal ansehen. Betroffen von einer Korrektur sind aber nur "spielrelevante Szenen" - die Regelhüter haben diese auf vier Fälle eingegrenzt: bei Toren, Elfmetern, roten Karten und Spielerverwechslungen.

Ob dadurch das Spiel gerechter wird oder nicht, ihm die Seele raubt oder nicht, scheidet mittlerweile die Fußball-Geister - ganz sicher wird das Spiel durch diesen Eingriff von außen aber verändert. Die "Wiener Zeitung" fasst die wichtigsten Pros und Contras zusammen:

Das Ende des großen Unfugs 

Die wirklich krassen Fehlentscheidungen, die alle im Stadion und vor den TV-Schirmen mitbekommen haben - nur der Mann in Schwarz halt nicht -, sollen damit der Vergangenheit angehören. Die Einführung der bisher makellos arbeitenden Torlinientechnik hat schon mit Phantomtoren und nicht erkannten Treffern aufgeräumt - nun sollen auch Schwalben im Strafraum, eindeutige Abseitsstellungen oder zu milde bewertete Brutalo-Fouls entlarvt werden. Bisher durfte ein Referee, selbst wenn er auf der Stadionleinwand die Szene noch einmal gesehen hat, seine "Tatsachenentscheidung" nicht revidieren - doch nun ist der Videobeweis offiziell zulassen.

Was ist schon eindeutig?

Doch es stellt sich die Frage, ob der hoch oben im Stadion sitzende Video-Assistent wirklich alles besser erkennen kann. Ob ein Handspiel wirklich ein absichtliches, ob das Foul ein elferwürdiges und die Abseitsstellung wirklich gegeben ist, ist nicht selten eine reine Glaubensfrage, wo selbst Kameraeinstellungen von mehreren Positionen nicht helfen. Wenn es aber bei spielentscheidenden Situationen keine klaren Antworten gibt, wird sehr schnell der Sinn des Videobeweises hinterfragt werden.

Schnell und selten

Das System ist darauf ausgelegt, dass Korrekturen am Platz rasch durchgezogen werden können, um den Spielfluss nicht zu stören, beziehungsweise soll der Videobeweis höchst spärlich zum Einsatz kommen. In der deutschen Bundesliga, wo vergangene Saison im Offline-Modus (also ohne Interaktion mit dem Schiedsrichter am Platz) überwacht wurde, gab es im Schnitt bloß eine Korrektur in jedem vierten Match. Und beim Testspiel im März zwischen Frankreich und Spanien (0:2) brauchte das Unparteiischen-Gespann bei den beiden Eingriffen - ein Tor aberkannt, eines nachträglich gegeben - nur je gut eine Minute zur Entscheidungsfindung.

Warten, bis der Anruf kommt

Doch wir haben bei der Fifa-Klub-WM vergangenen Dezember auch das Gegenteil erlebt, als der Schiedsrichter lähmende viereinhalb Minuten brauchte, um - nach Funkspruch und Gegencheck am Spielfeldrand - einen Elfer zu verhängen. Letztlich sogar unberechtigt, denn der gefoulte Spieler stand im Abseits. Dass das Spiel derart zerpflückt wird und wir elendslange Unterbrechungen befürchten müssen, kommt daher nicht von ungefähr. Auch im American Football ist das viele Replaystudium schon ein ärgerlicher Zeitverzögerer geworden, der bald wieder eingeschränkt werden könnte.

Hilfe für die Schiris

Stand das Fußballvolk in Mitteleuropa dem Videobeweis bisher ablehnend gegenüber, weisen Umfragen mittlerweile fast eine Zweitdrittelmehrheit dafür aus. Die größten Befürworter sind natürlich die Schiedsrichter, die wertvolle Unterstützung erhalten und zugleich Verantwortung abgeben können. "Wenn ich in den ersten zehn Minuten zwei krasse Fehlentscheidungen treffe, habe ich 80Minuten lang damit zu kämpfen, das Spiel in geordnete Bahnen zu lenken, weil mir 22 Spieler nicht mehr glauben", sagte jüngst Bundesliga-Referee Oliver Drachta in "Sport und Talk aus dem Hangar-7" auf ServusTV.

 Was heißt hier relevant?

Der Terminus "spielrelevant" schafft enorme Probleme, weil damit Fehlentscheidungen, die nicht unmittelbar mit Toren oder Elfern zusammenhängen, unberücksichtigt bleiben. Eine Schwalbe bei der Mittellinie, aus deren Feistoß ein Tor fällt, darf etwa gar nicht vom Video-Assistenten kontrolliert werden. Dasselbe gilt für gelb-rote Karten: Wiewohl Ausschlüsse natürlich spielrelevant sind, fällt die Frage, ob zwei Mal Gelb berechtigt war, nicht in die Zuständigkeit des Referees mit dem Kamerablick.

Abgepfiffen ist abgepfiffen

Keine Lösung gibt es auch für alle Situationen, die ein Schiedsrichter mit einem (Fehl-)Pfiff beendet hat. Wird also etwa ein Stürmer allein vor dem Tor wegen vermeintlichen Abseits zurückgepfiffen und stellt sich das nachträglich als gleiche Höhe heraus, hat er Pech - und kriegt als Entschädigung bestenfalls einen Schiedsrichterball. Somit entsteht eine große Lücke mit Ungerechtigkeitspotenzial, bei der noch spannend zu beobachten sein wird, welche Auswirkungen dies in der Praxis hat.

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Schlagwörter

Fußball, Videobeweis, Confed-Cup

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-16 16:32:05
Letzte nderung am 2017-06-16 16:58:04



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