• vom 04.09.2017, 17:02 Uhr

Fußball

Update: 04.09.2017, 17:29 Uhr

WM-Qualifikation

Zurück in der Vergangenheit




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Von Christian Mayr

  • Österreich ist nach der Pleite in Wales wieder dort, wo es zu Beginn der Ära Koller stand.

Marcel Koller blickt auf sechs Jahre ÖFB-Teamchef zurück: Georgien könnte sein letztes Spiel sein. - © apa/Neubauer

Marcel Koller blickt auf sechs Jahre ÖFB-Teamchef zurück: Georgien könnte sein letztes Spiel sein. © apa/Neubauer

Wien. Es ist die teuerste ÖFB-Auswahl aller Zeiten, mit fast ausschließlich Legionären bei europäischen Top-Klubs; es ist zugleich die leichteste WM-Qualifikationsgruppe, in der biedere Waliser (und nicht etwa Kaliber wie Deutschland, Frankreich, Spanien oder England) nominell die Top-Nation sind; und doch ist die österreichische Nationalmannschaft nach dem 0:1 in Wales bereits drei Spieltage vor Schluss und damit so früh wie schon lange nicht mehr aus dem WM-Rennen ausgeschieden (zumindest zu 99,9Prozent).

Diese verkürzte Darstellung, die jedoch von der großen Mehrheit der acht Millionen heimischen Teamchefs geteilt wird, zwingt naturgemäß zu einer näheren Analyse. Denn wie kann es sein, dass Österreich nach einer furiosen EM-Qualifikation samt (falscher) Wunderteam-Euphorie plötzlich stimmungsmäßig wieder dort gelandet ist, wo es nach dem bitteren WM-Aus in Schweden am 11. Oktober 2013 stand? Frust, Schockstarre, Ratlosigkeit damals wie heute. Fehlende Chancenauswertung, Rückfall nach der Pause, spätes Gegentor als drei Parameter des Scheiterns. Und einst wie jetzt steht der Abschied von Teamchef Marcel Koller bevor.


Bei allem, was er seit Amtsantritt im November 2011 für das Team an Aufbau- und Erfolgsarbeit geleistet hat, darf in der Ursachenforschung nicht auf seine Defizite in der verkorksten WM-Qualifikation vergessen werden.

Die Abwehr als Baustelle. Das Grundcredo des Schweizers lautete einst, die löchrige Defensive der Nationalelf zu stopfen. Am Höhepunkt des Erfolgs gab es in der EM-Qualifikation in zehn Spielen nur fünf Gegentore; nun sind es nach sieben Partien bereits neun Gegentore - und was für welche! Es ist kaum eines erinnerlich, wo nicht ein Österreicher fürchterlich geschnitzt hätte: zuletzt Aleksandar Dragovic gegen Wales und Irland, Kevin Wimmer gegen Serbien sowie Wales und Irland im Hinspiel, Martin Hinteregger in Serbien. Wobei Letzterer der große Lichtblick in Wales war, selbst auf der ungewohnten Position des Linksverteidigers. Womit wir bei des Pudels Kern wären, warum hinten so viel herumgemurkst wird.

Nach dem überraschenden Rücktritt von Kapitän Christian Fuchs hat es Koller nicht verstanden, diese Schlüsselposition für den Spielaufbau der ÖFB-Elf adäquat neu zu besetzen. Kandidaten wie Markus Suttner oder Andreas Ulmer wurden nicht gefördert beziehungsweise sogar vergrault; stattdessen dokterte Koller mit Wimmer herum (der vergangenen Herbst an fünf von sechs Gegentoren beteiligt war), stellte dann gegen Moldawien auf eine Dreierkette um, ehe er auf Hinteregger kam. Das wiederum hatte zur Folge, dass Dragovic, dem eine Team-Pause gutgetan hätte, in der Innenverteidigung verharrte; und wenn sich einer verletzt, steht plötzlich das 18-jährige Bürscherl Kevin Danso (heuer nur Einsätze in der Bayernliga) einem Gareth Bale gegenüber. Und dass David Alaba nicht (wie bei Bayern) links hinten spielt, weil er angeblich im Mittelfeld - wo es jedoch ein Überangebot gibt - wertvoller wäre, hat dieser im laufenden Bewerb nie bewiesen.

Der Angriff als Baustelle. Außerdem hat das ÖFB-Team ein Stürmer- und damit ein fatales Effizienzproblem. Marc Janko, der bisher in der Ära Koller die wichtigen Tore gemacht hat, dürfte seinen Zenit überschritten haben. Doch noch hat es keiner geschafft, ihn zu ersetzen - vor allem, was die Chancenauswertung betrifft. Ob Guido Burgstaller und Michael Gregoritsch je diese Rolle ausfüllen können? Rubin Okotie, Andreas Weimann, Philipp Hosiner, Lukas Hinterseer und Co. haben sich schon als Janko-Ersatz versucht, sind aber à la longue gescheitert. Doch wenn man vorne - wie Marko Arnautovic, der am Samstag fast kläglich versagte - nicht trifft, kassiert man hinten eben entscheidende Gegentreffer.

Plan B fehlt. Man kann über Koller viel Positives sagen, aber dass er ein ausgesprochener Taktik-Fuchs wäre, der mit seinen Handlungen an der Seitenlinie Matches gewinnt, ganz sicher nicht. Symptomatisch für diese Diagnose war auch das Spiel in Wales, wo sein Pendant Chris Coleman zur Pause reagierte und auf Viererkette umstellte, um Arnautovic zu neutralisieren; und um dann mit zwei neuen Stürmern (darunter Goldtorschütze Benjamin Woodburn) alles zu riskieren. Während bei den Österreichern - wie so oft - nach der Pause nur noch wenig zusammenlief.

Und das ist ein hausgemachtes Problem, das immer wieder akut wird, wenn der Gegner - der anfangs noch dominiert wird - sein Spiel anpasst. Einen Plan B für den Plan B des Gegners hatte Koller nie parat. Was eine Erklärung sein könnte, weshalb diesmal alle engen Partien spät zuungunsten der ÖFB-Truppe ausgingen.

Verpasste EM-Aufarbeitung. Nicht zuletzt drängt die Frage, ob über der ganzen Team-Misere nicht noch immer der EM-Schock schwebt. "Man muss schonungslos die Ereignisse der vergangenen Monate aufarbeiten", meinte mit Arnautovic nun just einer, der sich für Traumabewältigung normalerweise nicht zuständig fühlt. Ein wunder Punkt jedenfalls, der den ganzen ÖFB betrifft, der die Euro-Pleite gewiss nicht allumfassend analysiert und diese eher beschwichtigt hat. Das rächte sich.

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Dokument erstellt am 2017-09-04 17:06:05
Letzte nderung am 2017-09-04 17:29:14



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