• vom 07.06.2016, 16:23 Uhr

Fußball-EM 2016


Euro 2016

Der sanfte Duft aus Modena




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Vom Sammeln und Altern: Die Fußballpickerl von Panini geben einem in erster Linie ein Gefühl für die Zeit.

680 Fußballer auf wohlriechenden Pickerln, gedruckt in Italien: "Panini" als Zauberwort für Jugenderinnerungen. - © apa/Herbert Neubauer

680 Fußballer auf wohlriechenden Pickerln, gedruckt in Italien: "Panini" als Zauberwort für Jugenderinnerungen. © apa/Herbert Neubauer

In drei Tagen beginnt die Fußball-EM, aber David Alaba ist nicht dabei. Noch immer nicht. Nach etwa 150 Sticker-Päckchen war der österreichische Fußball-Superstar noch in keinem dieser Packerl drin. Dasselbe gilt für Bastian Schweinsteiger oder Cristiano Ronaldo. Dafür war Wayne Rooney kürzlich dabei, in einem Sackerl mit dem Fußball-Wappen der Ukraine und jenem Russlands. Völkerverständigung, wie sie nur im Fußballpickerlalbum klappt.

Die Spieler sehen diesmal alle irgendwie gleich aus. Wenn man kein Fußball-Fan ist, sondern ein Fußballpickerlalbum-Fan, macht es keinen Unterschied, wie die Kicker heißen, Hauptsache, man kriegt das Album voll. Tabu ist freilich, frei gebliebene Stickerfelder mit Doppelten zuzukleben, die dort gar nicht hingehören. Fällt zwar auf den ersten Blick niemandem auf, aber das Wissen darum kann einem den ganzen Spaß verdrießen.

Werbung

Seit nunmehr 30 Jahren sammelt der Autor Fußballpickerl. Als Kind, mit acht Jahren, begann die Leidenschaft zur Fußball-WM in Mexiko, 1986. Damals war Maradona der Superstar, und der Fußball hatte noch Leidenschaft. Zumindest für einen Achtjährigen. Noch schöner war das Sammelerlebnis vier Jahre später, als die WM 1990 in Italien stattfand. Damals wurden die Alben plötzlich bunter, sahen weniger fahl nach dem waschgrauen Papier der 80er Jahre aus. Die WM lag vor der Haustüre, nicht in Übersee, sie war "angreifbarer". Der ORF präsentierte stolz seinen neuen Grafikcomputer, der ein animiertes Intro für die WM-Sendungen schuf. Es sah toll aus, für 1990. Aber es gab auch Schattenseiten. Maradona war kein Superstar mehr. Die Deutschen gewannen das Turnier mit faulem Fußball. Dachte der 12-Jährige damals.

Tiefer Fall und Triple Cheese
Nochmal vier Jahre später, 1994, da stand Maradona vor dem Aus. Pardauz, die Amis hatten ihn beim Doping erwischt! Und mit seinem Bauchansatz konnte er nicht mehr so schnell rennen wie früher. Im Panini-Album gab es immer mehr Sticker zu sammeln und McDonalds brachte den WM-Cheeseburger, der dreistöckig war.

Danach enden die emotionalen Erinnerungen an Fußballgroßereignisse - schließlich muss man dieser Phase irgendwann entwachsen. Das Pickerlsammeln aber, das ist geblieben. Zunächst aus Gewohnheit. 1998 hat man eigentlich nur gesammelt, weil die Österreicher das Glück hatten, ohne Talent in die Endrunde zu gelangen. 2002 dachte man das erste Mal, wie lange das allererste Album schon zurücklag, und bekam ein Gefühl für Zeit. 2006, mitgerissen vom "Sommermärchen" der Deutschen, das gar keines war, trösteten die Pickerl über eine verflossene Liebe hinweg. Die zwischen den WMs stattfindenden Europameisterschaften hatten pickerltechnisch eher immer nur die Aufgabe, die Stimmung zur nächsten WM anzuheizen.

Der Packerl-Preis liegt inzwischen bei stolzen 70 Cent für fünf Sticker. 1990 zahlte man für ein Packerl (mit damals noch sechs Pickerl!) nur drei Schilling. Mit der Inflation ist der Anstieg nicht zu erklären. Demnach dürften die Packerl heute gerade einmal 36 Cent kosten, was der historischen Inflation von 62,35 Prozent seit 1990 entspricht. Aber Panini verlangt doppelt so viel für weniger Inhalt.

Trotzdem wird weitergesammelt. Das Heft besteht dieses Jahr aus 680 Stickern. Rund acht Millionen Packerl pro Tag produzierte Panini allein im Monat März. In den letzten 20 Jahren wurden insgesamt etwa 150 Milliarden Sticker produziert und in 100 Ländern verkauft. Österreich hat laut Panini eine Sonderstellung: In keinem anderen Land ist die "Pro-Kopf-Panini-Sammelquote" höher. Das trägt positiv zum Umsatz der Panini-Gruppe in Modena von 751 Millionen Euro bei.

Warum sammelt man also? Für viele Buben (und Mädchen!) ist das Fußballpickerl nicht nur Ab(zieh)bild von Vorbildern, sondern auch der Einstieg ins soziale Leben. Niemand hat besser dabei mitgeholfen, aus den Kindern verantwortungsbewusste Staatsbürger zu machen als Panini. Denn die unzähligen Tauschbörsen fördern nicht nur Freundschaften, sondern auch Fairness, Verhandlungsgeschick, Taktik. Alles, was man später im Leben braucht, aber in keiner Schule lernt.

Der Autor war allerdings kein tauschfreudiger Bub, sondern hat lieber im stillen Kämmerlein vor sich hingeklebt und das karge Taschengeld zusammengekratzt. "Gebrauchte", abgegriffene Pickerl von anderen Buben im eigenen Stickeralbum? Niemals! Die Haptiker unter den Pickerljägern hatten nach Turnierende eben keine Alben, die aussahen, als wären sie versehentlich in der Waschmaschine mitgewaschen worden. Alles sah nagelneu und ungebraucht aus. Keine Knicke, keine schief eingeklebten Bilder, keine Fingerabdrücke am UV-Lack. Zustand 1 nennen das die Sammler. Und auch die Doppelten wurden hochsicherheitsverwahrt, manchmal sogar in ein zweites Reserve-Album eingeklebt, auf dass ihre Existenz nicht umsonst war.

Um Zustand 1 dauerhaft zu gewährleisten, mussten strenge Einpickregeln verfolgt werden: Drei Packerl wurden auf einmal geöffnet, das ergibt 15 Sticker, die dann in numerisch aufsteigender Reihenfolge verkehrt ans Fußende des Albums gelegt wurden. Das brachte den Vorteil, in dem auf dünnem Tiefdruckpapier gedruckten Album nicht ständig vor- und zurückblättern zu müssen, sondern nur sparsam zu wenden, um die Seiten zu schonen. Das ist ein bisschen wie Kochen bei mittlerer Hitze mit dem Dampfgarer. Es versteht sich von selbst, dass vor dem Einkleben die Hände gewaschen werden mussten. Nur Samthandschuhe gab es keine: Damit lassen sich die Pickerln nämlich nicht von der Trägerfolie kletzeln. Hierfür braucht es Fingerspitzen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-06-07 16:26:04



Alle Spiele der Fußball-EM 2016 im Überblick

Der Spielplan zum Ausdrucken für zu Hause im praktischen A4-Format. Download Spielplan


Werbung




Abseits

Steuersünder, so what?

Ein Pfeifkonzert, Buhrufe und jede Menge bösartige Transparente: All das wird Cristiano Ronaldo am Mittwoch beim Champions-League-Hit gegen Dortmund... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein Finale vor dem Achtelfinale
  2. Letzte Chance in Böhmen
  3. Formel 1: Red Bull will wieder Titel holen
  4. Herbst-Titel als "schöner Moment" für Sturm Graz
  5. Gut gewinnt Super-G
Meistkommentiert
  1. Admira schlägt Sturm, Salzburg die Austria
  2. Dunkles Kapitel