
Melzer sah zunächst derart entgeistert drein, dass man jegliche Reaktion, von Wutausbruch bis Weinkrampf, für möglich halten musste. Doch Melzer blieb ruhig und bestellte den Videobeweis. Dass ihm dieser recht gab, konnte ihn kaum freuen. Er hatte den Punkt, diesen letzten eines Matchs, bereits gewonnen, nun musste der Ballwechsel wiederholt werden, prompt returnierte Melzer ins Netz.
Wieder dieser Blick, und wieder fürchtete man, dass Melzer zum Schiedsrichterstuhl stürmen und diesen so lange schütteln könnte, bis der Umpire hinunterfällt. Tatsächlich ist dieser Blick aber nichts anderes als Fokussierung. Melzer war natürlich nie ein Rabauke, kein Schiedsrichterschüttler, aber die Nerven kosteten ihn so manches Match. Wenn Melzer einmal ins Hadern kam, konnte man sich der Niederlage fast sicher sein.
Der 29-Jährige hat sich aber bemerkenswert gewandelt. Vor einem Jahr gewann er überraschend die BA-Trophy in der Wiener Stadthalle, dieser Triumph war der erste Meilenstein. Es folgten eine Reihe weiterer starker Resultate, Siege gegen Top-Leute wie Novak Djokovic, den er im Viertelfinale der French Open bezwang.
Doch Melzers Bilanz gegen die ganz Großen war bis zum Sieg gegen den Serben in Paris schlecht. Gegen Roger Federer, Rafael Nadal, Andy Murray und Andy Roddick konnte Melzer kein einziges Spiel gewinnen. Bis zum Achtelfinale in Shanghai.
Schon der erste Satz war mit 6:1 ein kleines Wunder in sich. Melzer servierte sensationell und spielte auch sonst beinahe fehlerlos. Nicht so Nadal, der den einen oder anderen einfachen Ball verschlug. Der Spanier hat aber natürlich noch eine zweite Waffe, und das ist seine Energie, sein Kampfgeist.
Nächster Gegner Monaco
Doch auch der Satzausgleich brachte Melzer nicht aus dem Konzept. Vermutlich hat Nadal genau das erwartet, in den drei Duellen vorher gewann der Spanier auch jeweils ganz klar. Melzer aber blieb dran und servierte nach zwei Stunden zum 6:1, 3:6, 6:3 aus.
"Ich habe das beste Tennis meines Lebens gespielt", sagte Melzer. Ich weiß, dass ich aggressiv spielen und meine Chancen verwerten muss, wenn ich gegen Nadal antrete. Ich bin stolz, dass ich das umgesetzt habe."
Im Viertelfinale trifft Melzer nun auf Nadals Landsmann Juan Mónaco, den er vor einer Woche erstmals bezwingen konnte. Das mit 3,24 Millionen Dollar dotierte Turnier in Shanghai ist Teil der Masters-Serie, für einen Turniersieg gibt es 1000 Punkte in der Weltrangliste.