London. (art) Es soll ja Zeiten gegeben haben, da war die vorrangige Frage im Vorfeld von Grand-Slam-Turnieren stets, welche der beiden Williams-Schwestern der anderen am Ende der Veranstaltung zum Sieg gratulieren müsse. Seit Serenas Wimbledon-Sieg 1999 verbuchten die beiden insgesamt 20 Erfolge bei Majors aufs Familienkonto, das Finale war oftmals eine interne Angelegenheit, der Begriff "Sister Act" in der Presse geradezu inflationär. Einen solchen wird es bei den am Montag beginnenden Australian Open in Melbourne nun mit Sicherheit nicht geben.
Venus muss, wie sie am Montagabend bekanntgab, wegen den Folgen ihrer im Sommer diagnostizierten Autoimmunerkrankung (Sjögren-Syndrom) passen, auch ein Karriereende der 31-Jährigen stand lange Zeit im Raum. Und ihre um ein Jahr jüngere Schwester Serena war erst kürzlich von einer langen Verletzungspause zurückgekehrt, um beim Vorbereitungsturnier in Brisbane wegen einer Knöchelblessur aus dem Turnier zu scheiden.
Seit der dominanten Zeit der beiden und dem (ersten) Rücktritt von Justine Henin befindet sich die Damentennis-Welt ebenso beharrlich wie verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Aushängeschild, das auch als solches wahrgenommen wird. Denn dass Caroline Wozniacki mit kurzer Unterbrechung schon seit Ende 2010 an der Spitze steht, wird aufgrund der Tatsache, dass die Dänin noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat, eher als Armutszeugnis für die Branche denn als Zeichen ihrer Stärke gedeutet. Überhaupt haben die Top Fünf der Rangliste insgesamt nur fünf Grand-Slam-Siege gefeiert - und damit genauso viele, wie Serena Williams alleine in Melbourne holen konnte.
Die erfolgreichste aus diesem Quintett ist zweifellos die dreifache Major-Gewinnerin Maria Scharapowa, doch ihr bisher letzter Sieg bei einer der vier größten Veranstaltungen liegt auch schon vier Jahre zurück.
Offene Fragen bei Herren
Erschwert werden die Prognosen durch den Umstand, dass sich ein Trend der vergangenen Jahre ungehindert fortsetzt: Viele Topspieler sind körperlich angeschlagen, und das betrifft nicht nur die Damen. Bei den Herren, bei denen die Hierarchie in den vergangenen Saisonen mit den Top Vier Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer und Andy Murray um einiges klarer war, gibt es ebenfalls kaum einen, der nicht über Verschleißerscheinungen klagen würde.
Djokovic musste seiner fulminanten ersten Saisonhälfte im Herbst ebenso Tribut zollen wie Nadal seinen seit Jahren latent vorhandenen Problemen, dem gegen Saisonende wiedererstarkten Langzeitdominator Roger Federer zwickte zuletzt der Rücken. Das Tennis-Jahr hat mit vielen Fragen begonnen, mehr als in den vergangenen Jahren. Die Australian Open könnten die ersten Antworten geben.