Steffi Graf war so eine. Eine, die ihrem Sport den Stempel aufgedrückt hat. Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre war sie die bestimmende Spielerin im Tennissport, die nur phasenweise von Monica Seles oder Arantxa Sanchez gestoppt werden konnte. Die einen fanden das toll, viele aber fanden Damen-Tennis zu dieser Zeit aber gerade deswegen ziemlich langweilig.
Heute sucht das Damen-Tennis offenbar händeringend nach einer wie Steffi Graf. Schon seit Jahren wird bemängelt, dass es keine Spielerin schafft, dem Sport ihren Stempel aufzudrücken. Die Nummer-eins-Position wechselte zeitweise mehrmals pro Jahr. Und wenn eine schon mal länger den Tennisthron besetzt, wie derzeit die Dänin Caroline Wozniacki (seit Oktober 2010), dann ist es auch wieder nicht recht. Die 21-Jährige hat schließlich noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen - sie ist also quasi nur die ungekrönte Königin ihrer Branche. Dabei ist es viel schwieriger, sich ohne Grand-Slam-Titel - seit sie Nummer eins ist, war sie nicht einmal in einem Major-Finale - an der Spitze zu halten, weil bei den Grand Slams ja die ganz großen Punkte zu holen sind. Aber andere schafften es eben auch nicht, teils trotz Major-Siegen, Wozniacki vom Thron zu stoßen.
Natürlich gäbe es da Spielerinnen mit großem Potenzial, gut ausgestattetem Nervenkostüm und auch dem gerne gesehenen Glamour-Faktor. Serena und Venus Williams etwa, oder Maria Scharapowa. Das Trio hat zusammen stolze 23 Grand-Slam-Titel auf dem Konto. Aber sowohl die US-Schwestern, als auch die Russin wurden und werden immer wieder durch Verletzungen oder Krankheiten zurückgeworfen. Venus musste wegen der Folgen ihrer im Sommer diagnostizierten Autoimmunerkrankung für die bevorstehenden Australian Open (ab Montag) bereits zurückziehen. Serena kehrte erst im vergangenen Jahr nach knapp einjähriger Verletzungspause auf die Tour zurück. Zuletzt musste sie in Brisbane wegen einer Knöchelblessur aufgeben. Die einzige aus dem Trio, die demnächst wieder die Spitze in der Weltrangliste übernehmen könnte, ist Scharapowa.
Als eine von sechs (!) Spielerinnen hat sie die Chance nach dem ersten Grand Slam-Turnier des Jahres die Top-Position einzunehmen. Außer ihr könnte dies noch der derzeit Führenden Wozniacki, der Weißrussin Viktoria Asarenka, der Australierin Samantha Stosur, der Polin Agnieszka Radwanska oder Petra Kvitova gelingen. Die Tschechin, die im Vorjahr überraschend in Wimbledon triumphierte und zum Jahresende auch die Tour Championships für sich entschied, hätte schon als Nummer eins in Melbourne antreten können. Allerdings hätte sie dafür diese Woche nach dem frühzeitigen, verletzungsbedingten Ausscheiden Wozniackis in Sydney triumphieren müssen. Tat sie nicht. Es steht also ein ziemlich spannendes Damen-Turnier in Melbourne an. Gerade weil es eben keine Steffi Graf gibt