
Der Freitagnachmittagverkehr ist in Wiener Neustadt nicht zu verachten und das Wetter geeignet, um Niederösterreichs zweitgrößte Stadt ins Chaos zu stürzen. Dass das diesmal nicht passierte - und dass kaum Plakate, dafür reichlich Parkplätze vor der Arena Nova vorhanden waren -, ließ nur einen Schluss zu: Dass der Daviscup hier zu Gast ist, dürfte sich in der Region noch nicht wirklich herumgesprochen haben. Und jene, die den Weg hierher gefunden haben, wirken angesichts des kurzen Spaziergangs vom Parkplatz zur Arena Nova auch nicht gerade euphorisiert. "Frechheit, so weit gehen zu müssen. Typisch Wiener Neustadt", knurrt einer. Ja, granteln kann man hier auch ganz gut.
Doch drinnen gabs dann zum Auftakt der Weltgruppen-Erstrundenpartie gegen Russland wenig zu beanstanden: Jürgen Melzer startete gut in die Partie gegen Igor Kunizin, ließ den Russen mit Tempowechseln und einem starken Aufschlag kaum in den Rhythmus kommen und gewann den ersten Satz bald mit 6:2. Kunizin dagegen schaffte schier Unglaubliches, indem er noch trauriger dreinschaute als schon zuvor.
Urplötzlich taute auch das Publikum auf, hielt wahlweise "What a shot"-, "Wow"- und "Jürgen"-Plakate in die Höhe. Der freilich machte es dann doch noch spannend, spannender als nötig, doch immerhin hatten die Fahnenschwinger und Stimmungsmacher was zu tun. Erst nach mehr als vier Stunden, in denen sich bei Melzer Hochs und Tiefs abwechselten und schon das eine oder andere Bier auf den Tribünen verschüttet wurde, verwandelte er seinen Matchball, immerhin standesgemäß mit einem Ass, zum 6:2, 6:7, 6:4, 3:6, 6:1. Die Zuschauer sprangen von den Sitzen, spätestens da lag die oftmals schmerzlich vermisste Daviscup-Stimmung wieder in der Luft. Immerhin war damit die Chance auf beinahe Historisches intakt.
Seit 1995 hat Österreichs Team auf einen Einzug ins Viertelfinale gewartet, nun liegt er in greifbarer Nähe. Denn da auch Andreas Haider-Maurer überraschend klar mit 6:1, 6:4, 6:7, 6:2 gegen Alex Bogomolow gewann, hat die Mannschaft von Clemens Trimmel nun drei Matchbälle, den ersten am Samstag (13 Uhr) im Doppel. Alexander Peya/Oliver Marach sind gegen Michail Juschni/Nikolaj Dawidenko in der Favoritenrolle. Unmittelbar davor wird der langjährige Daviscupper Stefan Koubek vom Verband geehrt. Ein Sieg wäre wohl auch für ihn ein schönes Abschiedsgeschenk. Und es hätte sich dann wohl auch zu den Letzten durchgesprochen, dass der Daviscup zu Gast war.