Wien.

Und diese Saison hätte für die Wiener gut und gerne drei Stunden später zu Ende sein können: zum ersten Mal seit acht Jahren im Grunddurchgang ausgeschieden, keine Play-offs, keine volle Halle, keine Einnahmen mehr. Und für die Fans natürlich auch keine Wurst mehr. Dieses Schreckensszenario, das den Verein ein paar hunderttausend Euro gekostet hätte, ist seit Wochen durch die Albert-Schultz-Halle geschwebt. Doch es ist den Capitals erspart geblieben.
Gratton trifft wieder
"Its so crazy", sagte, ja fast schrie Benoît Gratton, der kanadische Paradestürmer der Wiener, ein paar Minuten nach Spielende. Da hatte sein Körper mit dem Abbau des vielen Adrenalins noch gar nicht begonnen. Auch Gratton hatte seiner Form lange hinterher gejagt, sie aber ausgerechnet im entscheidenden Spiel gegen Jesenice gefunden. Beim 11:3 über die bereits ausgeschiedenen Slowenen erzielte Gratton drei Treffer. Und weil zeitgleich Villach Graz mit 3:1 bezwang, waren diese Tore Gold wert, sie bedeuteten für die Capitals den Einzug ins Viertelfinale gegen die Black Wings aus Linz.
Und als hätte jemand einen großen Reset-Knopf gedrückt, war auf einmal alles anders, fast wie vor der Saison, als die neue, ausgebaute Halle in Kagran für so viel Euphorie gesorgt hatte. Alles andere als der Titel wäre eine Enttäuschung gewesen. "Ein Ausscheiden im Halbfinale war unser Worst-Case-Szenario", sagt Klubpräsident Hans Schmid.
Dieses 11:3, bei dem sich die Überlegenheit der Wiener viel deutlicher gezeigt hatte als bei den bisherigen Duellen mit Jesenice, könnte so etwas wie ein Wendepunkt sein, zumindest glauben die Capitals fest daran. "Jetzt ist alles möglich", sagt Sportdirektor Martin Platzer. "Wir haben die gleichen Chancen wie jedes andere Team auch. In den Play-offs beginnt alles bei null."
Rückkehrer André Lakos, der für die Qualifikationsrunde geholt worden war, bezeichnete das Weiterkommen in letzter Minute als "beinahe schöner als die Meisterschaft mit Salzburg". Er glaubt an enge Duelle mit den Linzern, die als Erste ins Play-off mit den Wienern gehen. "Wir haben die Qualität, fünf, sechs Tore pro Partie zu erzielen. Die Linzer werden sicher nicht froh sein, dass sie jetzt gegen uns spielen müssen."
Erinnerung an einen Krimi
Die Capitals hoffen, dass der rekonvaleszente Goalie Reinhard Divis wieder einsatzfähig sein wird, gerade in den Play-offs hängt viel von dieser Position ab, und Ex-NHL-Keeper Divis gilt auch mit seinen bald 37 Jahren noch als einer der besten Torleute in Österreich.
Mit den Linzern teilen die Capitals ein ganz besonderes Kapitel in der heimischen Eishockey-Historie. Vor zwei Jahren trafen einander die beiden Klubs im Halbfinale, die Wiener gewannen die ersten drei Duelle und führten auch im vierten Spiel. Alles deutete auf einen souveränen Finaleinzug der Capitals hin. Doch die Linzer drehten das vierte Spiel, gewannen das fünfte, erzielten im sechsten dann 50 Sekunden vor dem Ende den Ausgleich zur Verlängerung, und dann holten sich die Linzer auch noch diese und die nächste Partie und eliminierten die Capitals. "Mit Linz haben wir noch eine Rechnung offen", sagt Schmid, der das entscheidende Match am Dienstag gar nicht live miterleben konnte. Eine Grippe hatte ihn ins Bett gezwungen. "X-mal war ich dabei, bei jeder Niederlage, und ausgerechnet beim totalen Höhepunkt bin ich daheim." Dem Höhepunkt bisher, für die Capitals geht es ja weiter. "Beim nächsten Entscheidungsmatch werd ich mich wieder ins Bett legen", sagt Schmid. Am Dienstag hats funktioniert.