Oropesa del Mar. (art) Die Analyse war messerscharf, aber nicht allzu gewagt. "Favorit bin ich nicht wirklich", meinte Andreas Haider-Maurer vor seiner Begegnung mit David Ferrer am Freitag. Macht aber nichts. Die Außenseiterrolle habe er eh lieber, und zumindest darf er darauf hoffen, dass Jürgen Melzer zu diesem Zeitpunkt gegen Nicolas Almagro (ab 12 Uhr) vorgelegt und Österreich im Daviscup-Viertelfinale gegen Spanien schon mit 1:0 in Führung gebracht haben wird. Andernfalls würden die Chancen, auswärts gegen die Iberer zu bestehen und erstmals nach 1990 ins Halbfinale einzuziehen, ohnehin schon nach dem ersten Einzel gegen null tendieren.

Außerdem: Viele gibt es nicht, die gegen Ferrer, der sich Platz fünf der Weltrangliste und den wenig schmückenden Beinamen "Gummiwand" mit nahezu fehlerlosem Grundlinienspiel, Konstanz und unbedingtem Willen, um jeden Ball zu kämpfen, erarbeitet hat, Favorit wären. Und es gibt wohl auch nicht viele Teams, die sich gegen die Spanier im Generellen als solcher bezeichnen können. Spanien ist amtierender und fünffacher Daviscup-Sieger, hat zwölf Spieler unter den Top 100 der Welt und damit eine Dichte, die kaum eine andere Nation aufweisen kann.
Da mutet es fast kurios an, dass Österreichs Daviscup-Team eine 3:1-Bilanz im direkten Vergleich aufweist, die jüngsten beiden Partien, 1990 und 1995, gewonnen hat. "Damals waren wir auf Augenhöhe, jetzt sind sie um einiges voraus", sagt der neue österreichische Verbands-Präsident Ronnie Leitgeb, der damals Thomas Muster beziehungsweise 1995 auch das Team gecoacht hat. Auch Melzer hält vom Kramen in der Vergangenheit wenig: "Ohne den Alten auf den Schlips treten zu wollen, aber was damals war, zählt nicht. Die Spanier sind jetzt eine Tennismacht."
Hochklassige Akademien
Ihr Aufstieg dazu in den vergangenen zwölf Jahren, in die alle ihre bisherigen Titel fallen, kam freilich nicht ganz zufällig. Zwar hatten sie davor schon hervorragende Einzelspieler, doch erst durch die Öffnung des früher auch in Spanien als elitär angesehenen Tennis, gestützt von einem großzügigen Sportfördersystem, konnte sich jenes Team entwickeln, das nun als Maß aller Dinge gilt. Hochklassige Tennis-Akademien, bei denen sich auch ehemalige Spitzenspieler vermehrt einbringen, gibt es wie Sand am Strand des Ferienortes Oropesa del Mar, der Spielstätte des Daviscups. In ihnen wird zwar zwecks Stärkung der Beinarbeit, der Basis jedes Tennisspiels, zuerst auf Sandplatz, aber anders als in vergangenen Tagen längst nicht mehr ausschließlich auf diesem Belag trainiert.
Die Zugkraft des nun im Team fehlenden, aber längst zum Volkshelden aufgestiegenen Rafael Nadal tat ihr Übriges, um die Jugend zu begeistern. Heute spielen in Spanien von etwa 47 Millionen Einwohnern vier Millionen Tennis, in Österreich sind es bei etwas mehr als 8 Millionen 350.000.
Potenzial wäre also, wenn auch nicht in der Breite, auch hier vorhanden, alleine der Einstieg in den Profisport gelingt nicht vielen. Zwar hat der Verband zuletzt bei jugendlichen Spielern eine Zuwachsrate von sechs Prozent verzeichnet, die Entwicklung im Junioren-Spitzensport-Bereich ist aber rückläufig. Oft stehen Einzelinteressen im Weg, doch es ist vor allem ein strukturelles Problem. Zumindest in diesem Punkt kann sich Österreich vom Viertelfinalgegner etwas abschauen - wenn man schon einen Nadal oder das milde Klima, das auch gerne als Grund für die spanische Tennis-Stärke angesehen wird, nicht herbeizaubern kann. Eine gezielte Trainerfortbildung sowie die Stärkung der Südstadt als nationales Zentrum bei gleichzeitig engerer Kooperation mit den privaten oder Landeseinrichtungen sind daher die wesentlichen Eckpfeiler im Konzept Leitgebs und Clemens Trimmels, des Sportdirektors und Daviscup-Kapitäns. Für die Gegenwart, das vierte Viertelfinale in der heimischen Tennisgeschichte, nützt das wenig, Trimmel sagt: "Jeder Punkt ist ein Erfolg." Auch das ist nach der Entwicklung Spaniens eine nicht allzu gewagte Einschätzung.