Wien. Rückblende, 17. August 2008: In Peking wird der Olympische Marathon gegeben, es hat 24 Grad, eine Luftfeuchtigkeit von 73 Prozent und zwischenzeitlichen Nieselregen; zwar nicht das ideale Wetter für die 42,195 Kilometer, aber auch kein schlechtes. Für Paula Radcliffe, die charismatischste Läuferin im Feld und überhaupt der vergangenen Dekaden, ist es zunächst ein guter Tag: Sie kann an den Start gehen. Nachdem das Jahr vorher von gesundheitlichen Problemen geprägt war, sie zuletzt aufgrund eines Ermüdungsbruchs im Oberschenkel nicht trainieren konnte, hatten britische Medien auf den Sportseiten die Tage davor kaum ein Thema als ihren Zustand gekannt.

Die Erleichterung war groß, als sie ihre Teilnahme bestätigte - noch größer dann die Enttäuschung: Zuerst beobachtete man eine Paula Radcliffe, die sichtlich nicht in Topform war, dann eine, die mit Schmerzen kämpfte und eine Pause zur Dehnung der überstrapazierten Wade einlegen musste, während die Konkurrenz auf und davon lief, schließlich eine, die sich als 23. über die Ziellinie schleppte und danach in Tränen ausbrach. Es war ein ähnliches Bild wie vier Jahre davor: Damals hatte sie, die große Favoritin, beim gleichen Anlass in Athen wegen Erschöpfung und Magenproblemen, die sie auf ein Medikament wegen einer kurz davor erlittenen Verletzung zurückführte, kurz vor dem Ziel aufgegeben. Weinend saß der hochdekorierte Topstar im Langstreckenlauf am Streckenrand.
Keinen Jux will sie
sich machen
Vielleicht wäre die spätere Karriere Radcliffes anders verlaufen, hätte es diese Tage, den 17. August 2008 und den 22. August 2004, nicht gegeben. Vielleicht wäre sie jetzt daheim und würde ein geruhsames Leben mit ihren beiden Kindern verbringen. Sie könnte es sich leisten, war mehrfache Weltmeisterin, hatte zahlreiche Marathons gewonnen und 2003 einen nie mehr übertroffenen Weltrekord von 2:15,25 Stunden aufgestellt. Doch geruhsam ist ein Wort, das es bei Radcliffe nicht gibt. Nicht nach diesen beiden Tagen, den einzigen bis dahin, an denen sie einen Marathon, an dem sie am Start war, nicht auch als Erste beendet hat. Und schon gar nicht jetzt, so kurz vor den Olympischen Spielen in London, ihrer Heimat.
Auf diese hat sie nun vier Jahre lang hingearbeitet, in Wien macht sie die nächsten Schritte auf dem Weg dorthin. Im Rahmen des Vienna City Marathons am Sonntag wird sie ein Verfolgungsrennen gegen den äthiopischen Topstar Haile Gebrselassie, der seinerseits seine Olympia-Hoffnungen schon aufgegeben hat, im Halbmarathon bestreiten, ihr Vorsprung wird am Freitag bekanntgegeben. Von Gebrselassie, der schon im Vorjahr die Massen in Wien begeisterte, hat sie auch die Empfehlung bekommen, hier zu laufen. Gemeinsam mit ihm und den Veranstaltern wurde dann die Idee des "Catch-me-if-you-can"-Bewerbs entwickelt, der alles andere als ein Juxrennen sein soll. Er soll einerseits dem Publikum als Spektakel dienen, ihr selbst andererseits als Vorbereitung für das Olympia-Rennen am 5. August. "Es ist ein wichtiger Test für mich", sagt sie. Bis London wird sie über die volle Distanz heuer nirgends an den Start gehen.