Shanghai/Sakhir.

So, als hätte es die Todesfälle bei Demonstrationen im Vorjahr, deren Umstände noch immer nicht hinreichend aufgeklärt sind, ebenso wenig gegeben wie die jüngsten gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Oppositionellen und Polizei, die Bombe, die am Montag sieben Polizisten zum Teil schwer verletzte und die indirekten Drohungen gegen die Formel 1. "Ich kenne Leute, die dort leben. Es ist friedlich und sicher", sagt Ecclestone nun. Wer etwas anderes behauptet, habe schlichtweg keine Ahnung. Punkt.
Der Versuch, die Diskussionen rechtzeitig vor dem Rennen am Sonntag in China (9 Uhr MESZ) für beendet zu erklären und den Fokus wieder auf den Sport zu lenken, darf indessen als gescheitert betrachtet werden. In Shanghai wird jetzt erst recht über die Lage im Königreich am Golf geredet, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Öffentlich Stellung zu beziehen und die Entscheidung für das Rennen in Bahrain zu kritisieren, trauen sich nur die wenigsten. Der Australier Mark Webber, der schon im Vorjahr massiv gegen den nach einem monatelangen Ringen schließlich abgesagten Grand Prix opponiert hat, bringt immerhin das Dilemma der Fahrer auf den Punkt: "Die Formel 1 ist ein Sport und ein Geschäft und ein Politikum und vieles mehr. Jeder von uns hat seine Meinung und seine Moral. Aber wir alle fahren für Rennställe, die gewisse Prioritäten haben. Ich habe einen Vertrag mit meinem, und dieser hat sich verpflichtet, 20 Rennen zu fahren." Der Deutsche Timo Glock meint nur: "Natürlich habe ich meine private Meinung. Aber die muss ich ja nicht äußern."
Wichtige Geldquelle
Der Mittlere Osten ist jedenfalls für die Hersteller ein wichtiger Markt - und für die Formel 1, deren traditionelle Rennen zunehmend mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ein einträgliches Geschäft: Im Vorjahr wurden die etwa 30 Millionen Antrittsgeld bezahlt, obwohl kein Rennen stattfinden konnte. Damals hatten die Veranstalter von sich aus auf die Austragung verzichtet, da die Unruhen zu massiv geworden waren.
Proteste niedergeschlagen
Mit der Formel 1 an sich hatten sie freilich zunächst nichts zu tun. Vielmehr waren wie in vielen anderen arabischen Ländern Oppositionelle auf die Straße gegangen, um auf Reformen zu drängen. Das sunnitische Königshaus sieht sich dabei einer großen Mehrheit an Schiiten im Land gegenüber, die sich zunehmend gegen die Repressalien wehrten. Bei der Niederschlagung der Aufstände kam dann das saudi-arabische Herrscherhaus mit Militärkräften zur Hilfe, Menschenrechtsorganisationen sprachen von 35 Toten. Seit dem Jahrestag der ersten Demonstrationen am 14. Februar brodelt es wieder, am Freitag kam es erneut zu Zusammenstößen. Zuletzt war es vor allem wegen der Weigerung Bahrains, einen im Vorjahr inhaftierten und nun in Hungerstreik getretenen Menschenrechtsaktivisten zur Behandlung ausreisen zu lassen, zu Demonstrationen gekommen. Dass Unsummen in den Formel-1-Grand-Prix als Prestigeveranstaltung investiert werden, erregt zusätzlich die Gemüter.
Doch während deshalb andernorts Menschen in T-Shirts mit der Aufschrift "F1 is racing on our blood" protestieren, ist auf großflächig angebrachten Plakaten der offiziell für diese Veranstaltung ausgerufene Slogan zu lesen: "UniF1ed - one nation in celebration". Das mag ein Widerspruch sein. Doch dass das Königshaus das PS-Spektakel unverhohlen zu Propagandazwecken nützen will, sollte ebenso wenig überraschen wie die Theorie, dass die Formel 1 moralische Werte sowieso schon längst in die Wüste geschickt hat.