
Kingston. (art) Es ist ruhig geworden um jenen Mann, dem sie den Beinamen "Lightning" verpasst haben, weil er wie ein Blitz einschlägt, wenn er die Tartanbahn betritt. Zu ruhig, wie viele meinten. Sein letztes großes Rennen bestritt Usain Bolt im September, kurz davor hatte er sich bei der WM einen vieldiskutierten Fehlstart geleistet und den Titel über 100 Meter kampflos an seinen jamaikanischen Landsmann Yohan Blake abgegeben. Zwar folgte die Rehabilitierung über die 200 Meter und in der Staffel, doch es gab auch Stimmen, die unkten, dass die ersten drei Olympia-Gold-Medaillen in Peking auch seine letzten gewesen sein könnten. Doch nun meldet sich Bolt zurück: In Kingston bestreitet er am Samstag sein erstes 100-Meter-Rennen der Saison, später will er bei den Spielen in London zur "lebenden Legende" werden, wie er unlängst der BBC verkündete.
An Selbstvertrauen hat es dem 25-Jährigen noch nie gemangelt, doch das, was er sich für die Olympischen Spiele vornimmt, klingt beinahe aberwitzig, zumal Gerüchte über körperliche Beschwerden wegen der langen Wettkampfpause die Runde machten. "Die Leute wollen Zeiten von 9,4 Sekunden beziehungsweise 19 Sekunden sehen", sagt der Mann, dessen Weltrekord über 100 Meter bei 9,58 und über 200 Meter bei 19,19 Sekunden steht, aufgestellt jeweils bei der WM 2009 in Berlin. "Ich will ihnen etwas Spektakuläres bieten. Sie wollen meine Persönlichkeit sehen, wie ich den Lauf genieße und verrückte Sachen mache. Aber sie wollen auch diese Zeiten sehen. Deshalb arbeite ich so hart wie möglich, um so schnell wie möglich zu sein."
Denn natürlich war Bolt nicht untätig, wie er sagt, nach dem Fehlstart-Trauma von Daegu habe er vor allem an seinem Start gearbeitet, erzählt er. Allerdings hat er auch abseits der Bahn einiges zu tun gehabt: Er hat eine Biografie über sich schreiben lassen, ein Restaurant eröffnet, ist auf Charity-Events und in hoch dotierten Werbespots aufgetreten und hat sich beim Händeschütteln mit Fußball-Stars und Englands Prinz Harry fotografieren lassen.
Wie sich all das in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele ausgeht, ist die eine Frage, wie sich das dort zu erwartende unbeständige Wetter auf die Zeiten auswirkt, die andere. "Ich bin mir nicht sicher, ob bei solchen Temperaturen ein neuer Rekord möglich ist", meint sein Trainer Glenn Mills. Generell aber glaubt er nicht, dass die goldene Ära seines Schützlings bald vorbei ist. "Er hat gut trainiert und sich weiter verbessert." Auch Wissenschafter, die sich mit den bisherigen Läufen des Jamaikaners auseinandergesetzt haben, sind überzeugt, dass er noch Reserven hat, zumal er bekannt ist, zugunsten der Show schon einmal gegen Ende das Tempo zu drosseln, wenn es die Gegner erlauben. Doch die werden auch nicht langsamer. Und die Ablenkungen für den schnellsten Mann der Welt nicht weniger.