Paris. (art) Victoria Asarenka fühlte ein bisschen mit Serena Williams. "Eine erste Runde bei einem Grand-Slam-Turnier ist immer schwer. Man muss vom ersten Moment an voll da sein", sagte sie zu dem Ausscheiden von Williams bei den French Open gegen Virginie Razzano, das zugleich das erste Auftakt-Aus des US-Stars bei einem Grand-Slam-Turnier war.

Doch vielleicht war es weniger das Mitleid, das aus der Weißrussin sprach, sondern vielmehr die Gewissheit, dass es auch sie hätte treffen können. Bei ihrem 6:7, 6:4, 6:2 im Erstrundenspiel gegen die Italienerin Alberta Brianti stand sie am Rande einer Niederlage. Es wäre eine Blamage für die Weltranglistenerste und ein weiterer Dämpfer für die Damen-Tennis-Welt gewesen, die schon ebenso lange wie vergeblich nach einer herausragenden Figur im Einheitsbrei der Schönwetterspielerinnen sucht. Wenngleich Asarenka, die gern das nette Mädl von nebenan gibt, weder mit der Exzentrik einer Serena Williams, noch mit der Eleganz der längst abgetretenen Langzeitdominatorin Justine Henin mithalten kann, mangelt es ihr nicht an sportlicher Qualifikation für diese Rolle.
Technik, Athletik und Schnelligkeit passen ohnehin schon lange, die mentale Sperre, die früher große Erfolge verhindert haben, hat die 22-Jährige zu Jahresbeginn mit einer beeindruckenden Serie von 26 Siegen hintereinander und Erfolgen in Sydney, bei den Australian Open, in Melbourne und Doha abgeschüttelt. Mit dem Sieg gegen Brianti bewies sie erneut Kampfgeist, in der zweiten Runde gab es dann beim 6:1, 6:1 gegen die unbekannte Deutsche Dinah Pfizenmaier keine Fragen mehr.
Der Verbleib der Nummer eins im Turnier ist auch für die französischen Fans ein Segen. In Ermangelung an heimischen Sieganwärterinnen haben sie die Weißrussin, die ihre Karriere in Marbella startete und mit Hilfe der Förderung des Eishockey-Stars Nikolai Khabibulin in den USA vorantrieb, zu ihrer sentimentalen Favoritin erkoren. Bezugspunkte gibt es genug: Ihr Betreuerteam besteht zu einem großen Teil aus Franzosen, ihr Management ist in französischer Hand, und vor den French Open holte sie sich Amélie Mauresmo als zusätzliche Beraterin. Dass ihr Wohnort nicht in Frankreich liegt, verzeiht man ihr - Monaco ist ja nicht weit. Und für die kommenden eineinhalb Wochen kann sie ja noch in Paris bleiben.