Halle. (art) Roger Federer war sauer. Nicht so sehr wegen seiner 6:7, 4:6-Niederlage im Finale des Wimbledon-Vorbereitungsturniers Halle gegen den Deutschen Tommy Haas - die hatte der Schweizer ("Ich habe die ganze Woche gutes Tennis gezeigt, aber heute war Tommy einfach besser") noch einigermaßen gut weggesteckt. Was vielmehr Federers Unmut erregt, sind die Auswahlkriterien der Deutschen für eine Olympia-Nominierung. Weil die deutlich strenger sind als die internationalen Vorgaben, wird nach derzeitigem Stand kein Deutscher bei den Spielen dabei sein.
Einen "absoluten Witz" findet das Federer, schließlich hätte Philipp Kohlschreiber Rafael Nadal und Haas ihn selbst besiegt, die zwei dominierenden Spieler der vergangenen Jahre. "Die Deutschen sollten einmal die Augen aufmachen", meinte der Schweizer dazu.
Wimbledon-Wildcard fix
Vor allem im Fall von Haas dürfte die Empörung auch sentimentale Gründe haben. Haas und Federer gelten als Freunde, was an sich auf der Tour schon ungewöhnlich ist, und nach der langen Leidensgeschichte des Halle-Siegers gibt es wohl kaum einen, der Haas einen letzten großen Auftritt nicht vergönnen würde.
Im April wurde er 34 Jahre alt, und dass er überhaupt noch professionell Tennis spielen kann, grenzt an ein Wunder der Medizin und Willenskraft. Seit seinen besten Zeiten vor mittlerweile zehn Jahren, als Haas die Nummer zwei der Welt und der hoffnungsvollste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker und Michael Stich war, ist kaum eine Saison vergangen, in der er sich nicht mit teilweise schweren Verletzungen herumplagen musste. Besonders schlimm traf es ihn 2010, als sein Körper ihn zu einer 15-monatigen Pause samt Hüft- und wiederholter Schulteroperation zwang. Als er - lange mit überschaubarem Erfolg - vor einem Jahr auf die Tour zurückkehrte, fand er sich auf Platz 895 der Welt wieder.
"Erst seit einigen Monaten kann ich mit den Profis mithalten", sagt er. Und seit Haas, dem es an Talent und Variabilität noch nie gemangelt hat, auch seine Fitness wieder erlangt hat, geht es merklich bergauf: Bei den French Open erreichte er als Qualifikant die dritte Runde, ins Turnier in Halle ging er als 87. der Welt mit einer Wildcard, seit Montag wird er als Nummer 49 geführt. Wirklich bewusst hat Haas, der für das Turnier in Kitzbühel ab 22. Juli genannt hat, die Ereignisse der vergangenen Tage nicht mitbekommen. "Es ist wie im Film", sagt er.
Sorgen um seine Wimbledon-Teilnahme muss er sich ohnehin nicht machen, die Veranstalter haben ihm schon vor dem Triumph in Halle, dem 13. seiner Karriere und "ganz, ganz sicher einem der schönsten", wie er sagt, eine Startberechtigung für den Hauptbewerb zugesichert. Dass er dort einen ähnlichen Siegeszug hinlegen kann wie nun in der Heimat, ist unwahrscheinlich, zum einen, weil ihm als Ungesetzten schon zu Beginn ein schwieriges Los droht, zum anderen, weil Best-of-Five-Matches seinem an allen Ecken und Enden lädierten Körper wohl kaum zuträglich sind. Aber ein großer Auftritt ist ihm noch einmal - Olympia-Nominierung hin oder her - sicher. Es könnte einer der letzten sein.