Lüttich. (sir) Zuerst endete der olympische Traum, dann die Freundschaft. Vorläufig. Vor vier Jahren waren die beiden Briten Bradley Wiggins und Mark Cavendish im Madison, dem Zweier-Mannschaftsfahren, in Peking angetreten. Sie waren Weltmeister in dieser Disziplin, gute Freunde und beide in Hochform, eben ein ideales Team. Doch irgendwas lief in Peking schief, und auf einmal waren sie Achter statt Olympiasieger.

Sie würdigten sich keines Blickes und sprachen kein Wort miteinander. Der eine ging links hinaus, der andere rechts. "Ich bin von der Bahn hinunter gefahren und habe gleich ein paar Bier gekippt", erzählt Wiggins. Hauptsache Gold, auch wenn es nur das Getränk ist. Es muss eine bizarre Situation gewesen sein, denn die beiden waren nicht einfach nur eine Zweckgemeinschaft. Und doch sprachen sie nach dem Fiasko monatelang kein einziges Wort. Erst gegen Ende des Jahres 2008 näherten sie sich langsam wieder an.
Ein Team, zwei Ziele
Vier Jahre später sind die beiden wieder Freunde. Sagen sie. In jedem Fall sind sie Teil einer Zweckgemeinschaft oder besser: zwei Zweckgemeinschaften. Die eine ist das Team Sky, das bei der am Samstag mit dem Prolog in Lüttich beginnenden Tour de France um das Gelbe Trikot kämpfen will, unmittelbar danach hofft Großbritannien auf Gold im olympischen Straßenrennen.
Vor vier Jahren fuhren beide noch auf der Bahn. Da lautete die Losung noch: beide oder keiner. Die Situation jetzt ist eine andere. Bei der Tour ist Wiggings, der Rundfahrer, auf die Hilfe von Cavendish angewiesen, in London soll dann Wiggins Helferdienste für den Sprinter leisten. Gewinnen kann nur einer. Das Grüne Trikot, das Cavendish im Vorjahr gewann, hat keine Priorität.
"Ich werde wohl persönlich nicht so viel gewinnen, in Etappen gemessen, aber Teil eines Teams zu sein, das wirklich Ambitionen hat, die Gesamtwertung zu gewinnen, ist für jeden Fahrer eine Ehre", sagt Cavendish. Im Vorjahr sind die beiden Briten noch für verschiedene Teams gefahren, nun radeln sie im britischen Rennstall Sky, für den auch Bernhard Eisel am Samstag seine neunte Tour aufnehmen wird.
Wiggins hatte sich im Vorjahr bei einem Sturz die Schulter gebrochen und musste die Tour aufgeben, mit seinem Sieg bei der Vorbereitungsrundfahrt Critérium du Dauphiné hat sich der 32-Jährige aber wieder in den Favoritenkreis gefahren, zumal der Luxemburger Andy Schleck wegen einer Verletzung diesmal passen muss. Wiggins ist erster Herausforderer von Vorjahressieger Cadel Evans, der die Dauphiné hinter dem Briten als Dritter beendet hat.
Hinter diesen beiden scheint das Rennen völlig offen. Der Russe Denis Mentschow, der Italiener Vicenzo Nibali, Samuel Sanchez aus Spanien, Fränck Schleck und Giro-Sieger Ryder Hesjedal aus Kanada sind allesamt Anwärter auf das Podium.
Viel Arbeit für Eisel
Doch das Sky-Team hat diesmal wirklich alles dem Gesamtsieg untergeordnet und dementsprechend auch das Team zusammengestellt. "Wenn wir das nicht schaffen, wäre es schon eine Enttäuschung", sagt Eisel, der normalerweise Cavendishs Edelhelfer ist, sich diesmal aber auch um Wiggings kümmern muss. "Es wartet sehr viel Arbeit auf mich, auch in den Bergen", sagt Eisel, der Sky als ein Team sieht, "das alles dominieren kann."
Am 22. Juli endet die Tour de France in Paris, nur sechs Tage später werden in London die Medaillen im Straßenrennen vergeben. Der Kurs ist wie gemacht für Cavendish. Seinen besten Helfer, Eisel, wird er da nicht an seiner Seite haben, dafür wie schon bei seinem WM-Sieg im Vorjahr Bradley Wiggins. Erreichen im Juli beide ihre großen Ziele, ist das Drama von 2008 wohl endgültig vergessen.