Nürburg. (art) Kurt Beck kam aus dem Urlaub, doch entspannt wirkte er an diesem Mittwoch ganz und gar nicht. Zerknirscht musste der Rheinland-Pfalz-Ministerpräsident in Mainz vor Journalisten verkünden, dass die Betreibergesellschaft des Nürburgrings Insolvenz anmelden muss. So etwas ist nie angenehm, in diesem Fall bedeutet es für den SPD-Politiker darüber hinaus das Scheitern seines Prestigeprojekts.

2006 hatte er gemeinsam mit seinem damaligen Finanzminister Ingolf Deubel die Neukonzeption des legendären Rings auf die Beine gestellt, um mit einem groß angelegten Erlebnis- und Freizeitpark auch abseits der Formel-1-Rennen mehr Menschen in die strukturschwache Region zu locken und Einnahmen zu lukrieren. Damit wollte man die Verluste durch die teure Grand-Prix-Ausrichtung kompensieren. Gekommen ist alles ganz anders: Das von vornherein undurchsichtige Finanzierungsmodell bröckelte in sich zusammen, das Projekt verschlang Steuergeld in Höhe von 330 Millionen Euro, gegen den mittlerweile zurückgetretenen Deubel wurde Anklage wegen Untreueverdachts erhoben, die Pächter verweigerten aus diversen Gründen die Zahlungen, und der Freizeitpark steht weitgehend leer. Auf diese Weise wurden laut rhein-zeitung.de Schulden von mehr als 400 Millionen Euro angehäuft, für die das Land aufkommen muss. Erst vor kurzem wollte man den Betreibern eine Finanzspritze von 13 Millionen Euro gewähren, die als Überbrückungshilfe für ein halbes Jahr gedacht war. Doch die EU-Kommission blockierte den Geldfluss wegen offener Fragen und Probleme - und will nun ihrerseits prüfen, ob Landesbeihilfen von insgesamt 524 Millionen Euro rechtmäßig gezahlt wurden.
"Der Ring ist unsere Aorta"
Für Beck, der über Bundeskanzlerin Angela Merkel noch versucht hatte, die EU zum Einlenken zu bewegen, ist diese nun schuld an dem Desaster: "Nicht entscheiden auf europäischer Ebene heißt Handlungsunfähigkeit für Rheinland-Pfalz", sagte er. Doch der Ton von der Opposition, die schon länger vor dem nunmehr eingetretenen Szenario gewarnt hat, wird rauer, CDU-Politiker Alexander Licht spricht gegenüber rhein-zeitung.de von einem "als System angelegten Betrug" und wirft Beck wegen der hochtrabenden Pläne Größenwahn vor. Auch in der Bevölkerung ist die Empörung groß. Der Ring beschäftigt 30 permanente Mitarbeiter, viele Wirtschaftstreibende sind auf die Zugkraft der Veranstaltungen wie der alle zwei Jahre stattfindenden Formel-1-Rennen sowie der sonstigen Motorsport- und Musikevents wie dem "Rock am Ring" angewiesen. "Der Ring ist unsere Aorta", meint Andrea Thelen, die Vorsitzende des Gewerbevereins Adenau.
Während die "Rock-am-Ring"-Veranstalter schon in den vergangenen Wochen aufgrund der unsicheren Situation eine Verlegung angeregt haben, ist ungewiss, ob die Formel 1 bei einer Pleite des Nürburgrings weiterhin jährlich zu Gast in Deutschland sein wird. Momentan finden die Rennen alternierend in der Eifel und - wie an diesem Wochenende - auf dem Hockenheimring statt. Georg Seiler, Geschäftsführer des Hockenheimrings, sieht zwar "durchaus die Möglichkeit", als jährlicher Veranstalter einzuspringen, doch ob dies bei Antrittsgeldern im zweistelligen Millionen-Bereich sinnvoll ist, wird erst zu prüfen sein. Und dem Nürburgring, der legendäre Geschichten wie jene von Niki Laudas Unfall im Jahr 1976 schrieb, hilft das dann auch nichts mehr.