New York. Es war der Abend jenes Tages, als ein Jahrhundert-Donnerwetter die x-te Hitzewelle dieses New Yorker Rekordsommers hinweggefegt hatte und jene Bewohner der Stadt, die der Leidenschaft des Profi-Basketballs frönen, sich die Augen rieben. Manche buchstäblich: Als sie die Nachricht erfuhren, zogen sie vor den Madison Square Garden, die Heimstätte ihres Teams, und weinten. Das Management des bisher einzigen NBA-Teams der Stadt, der New York Knicks, hatte beschlossen, die neue große Hoffnung ziehen zu lassen, die scheinbar einzige Aussicht, das insgesamt erst dritte Mal nach 1970 und 1973 wieder das NBA-Championat zu holen. Die Hoffnung trug den Namen Jeremy Lin, der von ihm in der vergangenen Saison entfachte Hype, dem sein verletzungsbedingtes Fehlen in den Play-Offs gegen den späteren Sieger Miami Heat keinen Abbruch tat, wurde mit "Linsanity" -"Lin-Wahnsinn" betitelt.

Der in Kalifornien aufgewachsene Harvard-Absolvent mit den Eltern aus Taiwan wirft fortan für die Houston Rockets aus Texas Körbe. Nun sind die Anhänger der Knicks schon seit deren Gründung im Jahr 1946 für ihre ausgeprägte Leidensfähigkeit bekannt. Eine Sorge hatten sie freilich nie: Konkurrenz aus der eigenen Stadt. Das wird sich mit Beginn der Saison 2012/13 ändern, wenn sich auf der anderen Seite des East River erstmals die Brooklyn Nets mit ihren Rivalen in der Atlantic Conference der Eastern Division messen werden.
Abramowitsch der NBA
Es ist nicht das Ergebnis einer Aufstockung, die NBA zählt heute wie vergangene Saison 30 Teams. Die Nets wurden von ihren Eigentümern schlicht aus dem Nachbarstaat New Jersey importiert, zum Leidwesen der vor den Toren New Yorks gelegenen Provinzmetropole Newark. Überraschend kam der Umzug nicht. Bereits Ende September 2009 hatte sich Michail Prochorow, laut dem Magazin "Forbes" mit einem Vermögen von 13,2 Milliarden Dollar der siebtreichste Mann Russlands, die Mehrheit an den New Jersey Nets gesichert - mit der Zusage, das Team nach Fertigstellung des von ihm mitfinanzierten Allzweckstadions Barclays Center (Fassungsvermögen 18.100 Zuschauer) nach Brooklyn zu übersiedeln. Prochorow ist so etwas wie der Roman Abramowitsch des Basketballs; wie der Eigentümer des Champions-League-Siegers Chelsea blickt er auf eine typische Oligarchenkarriere zurück.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stieg der ehemalige Kommunist unter Präsident Boris Jelzin zunächst zum Chef der Oneximbank auf (welche der russischen Regierung Geld lieh und dafür mit Anteilen an privatisierten Staatsunternehmen belohnt wurde), im Anschluss zu dem der Firmen Norilsk Nickel (weltweit größter Produzent von Nickel und Palladium) und Polyus Gold (Russlands größter Goldproduzent), bis er seine zahlreichen anderen globalen Geschäfte unter dem Dach der Onexim Group vereinte. Sein Verhältnis zu den Machthabern in Moskau gilt als korrekt, aber als nicht ganz friktionsfrei.
Politische Ambitionen

Dem neuen, alten Premierminister Dimitri Medwedjew soll er näher stehen als dem neuen, alten Präsidenten Wladimir Putin, wovon nicht zuletzt die Gründung einer eigenen Partei ("Zivile Plattform") im vergangenen Monat zeugt. Zuvor hatte Prochorow der Mitte-Rechts-Partei "Rechte Sache" gedient, dieser aber wegen angeblich "zu großer Nähe zum Kreml" abgeschworen. Entsprechend lässt sich auch über die Ernsthaftigkeit seiner Ansage, mit seinem Engagement in New York dem "russischen Basketball in seiner Entwicklung zu helfen", nur spekulieren; genauso wie über den Umstand, dass er sich von der Onexim Group mittlerweile als Chef formal verabschiedet hat. Als nicht mehr umstritten gilt indessen die Sinnhaftigkeit des Unternehmens Brooklyn Nets im Falle des sportlichen Erfolgs.
Für sich allein genommen ist Brooklyn mit rund 2,5 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der USA. Als das legendäre Baseball-Team der Brooklyn Dodgers 1958 New York gen Los Angeles verließ, deuteten die damaligen Kommentatoren das als unmissverständliches Zeichen des Niedergangs, des Anfangs vom Ende eines Ortes, der lange Zeit dieselben Versprechen wie Manhattan bereithielt, aber spätestens seit der Verwaltungsreform 1898 kaum eines davon einzulösen vermochte. Damals wurden die heutigen fünf Stadtbezirke zu Greater New York City zusammengefasst, Brooklyn verlor seinen Status als eigenständige Entität.
Teuer wie Manhattan
Brooklyn, das war und blieb der dicht besiedelte, aber kulturell und ideell blasse Landstrich "southeast of the island", wie es der viel zu früh verstorbene Schriftsteller James Agee 1939 in einem gleichnamigen Essay beschrieb. Bis sich das Blatt Anfang der Neunziger zu wenden begann und plötzlich ein neues, hippes Brooklyn entstand. In den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebte der Bezirk einen Boom. Wie kein anderer profitierte Brooklyn vom Phänomen der Gentrifizierung, für Wohnungen in Vierteln wie Park Slope, Williamsburg oder Greenpoint zahlt man heute schon einmal die gleichen Preise wie auf der Upper West Side Manhattans. Der Markt scheint also vorhanden, und dank der finanziellen Schlagkraft des Oligarchen stellt auch die Anlauffinanzierung kein Problem dar. Zudem verfügen die neuen Nets aber auch noch über eine Geheimwaffe in Person eines ihrer Minderheitseigentümer: Shawn Corey Carter, weltberühmt unter seinem nom de guerre Jay-Z. Der 42-Jährige, ein gebürtiger Brooklynite, hatte schon früh in seiner Karriere erkannt, dass sich mit Musik zwar okay Geld verdienen lässt, dass sie sich aber noch besser als Vehikel zum Verkauf von allerlei sonstigen Konsumgütern eignet.