London. (art) Die Debatte erreichte in den USA Ausmaße, die Gesundheitsreform und Wirtschaftspolitik übertrafen. Ins Rollen gebracht hatte sie Kobe Bryant, Mitglied des aktuellen Basketball-Olympia-Kaders der USA. "Ich denke, wir würden das Team von 1992 schlagen", sagte er - und löste damit heftige Reaktionen in der illustren Altherrenrunde aus. "Ich habe einen Lachkrampf bekommen", sagte Charles Barkley, Michael Jordan nannte es "nicht eines der klügsten Dinge, die Kobe hätte sagen können", in den Internet-Foren gingen die Wogen hoch.
Jene Mannschaft, die selbst in seriöseren Nachschlagewerken unter dem Synonym Dream Team firmiert, auch nur entfernt in Zweifel zu ziehen, kommt in den USA nahe an Blasphemie heran. Also musste auch Präsident Barack Obama nach seiner Meinung befragt werden. "Ich habe das 1992 miterlebt, und ich war Fan der Chicago Bulls. Also muss ich mich für das originale Dream Team entscheiden", sagte er, nicht ohne über die Großartigkeit des jetzigen Teams und die hohen Goldchancen zu schwadronieren.
Natürlich ist der jetzige Kader gesteckt voll mit Superstars wie Bryant, Kevin Durant oder LeBron James, natürlich gehen die USA als Goldanwärter in das olympische Turnier, das für sie am Sonntag mit dem schweren Spiel gegen Frankreich beginnt. Doch an die Bedeutung jenes Teams von damals wird die aktuelle Generation kaum herankommen. Sie kann es auch gar nicht.
Gruß aus der Steinzeit
Es war im Sommer 1992 in Barcelona, erst vor 20 Jahren, doch bezüglich der medialen Übermittlungsmöglichkeiten eine steinzeitliche Ära. Das europäische Fernsehen konzentrierte sich auf die hier populären Sportarten, das Internet war gerade erst öffentlich geworden, der Begriff Live-Stream noch nicht geschaffen und US-Basketball etwas Exotisches. Bei vorangegangen Olympischen Spielen wurde zwar auch schon Basketball gespielt und übertragen. Aber die Profis aus der NBA, jene Wesen aus einer anderen Welt, über die man außer Wunderdingen in der Zeitung und fabelhaften Gerüchten kaum etwas wusste, konnte man nie bewundern. Sie waren von der Teilnahme ausgeschlossen.
Erst 1989, nach dem enttäuschenden dritten Platz in Seoul, wurde diese Regel abgeschafft, für 1992 stellte man erstmals ein US-Team mit NBA-Spielern zusammen. Der gemeinhin als bester Spieler des Planeten apostrophierte Jordan war dabei, ebenso der wegen seiner HIV-Infektion eigentlich schon zurückgetretene Magic Johnson, Larry Bird und auch Barkley, um den es davor noch eine Kontroverse wegen seiner Exzentrik gegeben hatte. Es ging schließlich darum, die USA bestmöglich zu repräsentieren. Gold lautete der nationale Auftrag, das war klar, doch die popkulturelle Dimension, die das Dream Team erreichen und den Sport in eine neue Ära führen würde, konnte niemand erahnen. "Wir haben das Phänomen nicht kommen sehen", sagt NBA-Geschäftsführer David Stern heute.