London. (man) An der Nervosität ist es sicher nicht gelegen. Doch der Schütze Thomas Farnik musste seinen womöglich letzten Olympia-Auftritt am Montag schon nach der Qualifikation im Kleinkaliber-Dreistellungsmatch beenden. Der Wiener belegte Rang zwölf, nur ein einziger Ring fehlte ihm zum Einzug in das Stechen um die Finalteilnahme. Zufrieden ist Farnik trotzdem: "Es war ein schöner Wettkampf, ich konnte ihn genießen, und das war im Vorfeld eines der Ziele."

Zum sechsten Mal war Schütze Thomas Farnik in London bei Olympia dabei, damit ist er Rekordstarter im österreichischen Olympia-Team. "Im Vorfeld gibt es da überhaupt keine Nervosität mehr, höchstens beim Wettkampf", erzählte Farnik vor den Spielen. "Beim ersten Mal, 1992 in Barcelona, war das sicher anders", sagt er. Die olympische Nervosität dürfte aber kein Schaden sein, schließlich erreichte Farnik bei seinem Olympia-Debüt 1992 als Sechster mit dem Luftgewehr sein zweitbestes Olympia-Resultat. Besser war er nur vor vier Jahren in Peking mit Rang fünf im Kleinkaliber-Dreistellungsmatch. Damals fehlten ihm nicht einmal drei Ringe auf eine Medaille - bei insgesamt knapp 1300 Ringen eine Kleinigkeit.
Eine Olympia-Medaille blieb dem 45-Jährigen in seiner langen Karriere versagt, obwohl er jahrelang in der Weltspitze mitschoss. Im Jahr 2006 war er Weltmeister im Einzel und mit der Mannschaft sowie Weltcup-Gesamtsieger. Bereits 1997 wurde er zum Weltschützen des Jahres gewählt. Zudem stellte er im Lauf der Jahre mehrere Weltrekorde auf. Ins Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit schaffte es Farnik dennoch nur alle vier Jahre, und das auch nur, da es sich beim Schießen um eine olympische Sportart handelt. Das ändert aber nichts am Status einer absoluten Randsportart.
Für ihn war fast schon die sechste Olympia-Teilnahme ein Erfolg. Seit er vor Olympia 2008 aus Altersgründen aus dem Bundesheer ausgeschieden ist, betreibt er das Schießen als Amateur - ein klarer Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Wobei es sich bei den Profi-Schützen - laut Farnik geschätzte 70 Prozent des Feldes - um keine Profis im ursprünglichen Sinn des Wortes handelt, sondern eher um Staatssportler, wie Farnik im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt: "Die meisten sind beim Bundesheer, der Polizei, der Armee oder beim Forst angestellt." Dem olympischen Traditionssportart - in der Moderne war Schießen nur bei zwei Spielen nicht olympisch - wird aber hauptsächlich auf der Nordhalbkugel nachgegangen, im Dreistellungsmatch war weder ein Südamerikaner noch ein Afrikaner am Start.
Farnik arbeitet mittlerweile als Mentalcoach, unter anderem für das Eishockeyteam der Vienna Capitals. Auch in diesem Beruf kommt ihm seine Erfahrung entgegen. "Es ist wichtig, dass man sehr stressresistent ist", sagt Farnik. "Da kommt mir auch meine Erfahrung entgegen." In seiner langen Karriere gibt es praktisch nichts, was es nicht gibt, so hält der Schütze auch einen seltenen Rekord. Als erster Sportschütze wurde er aufgrund einer Schießweste mit zu hoher Steifigkeit disqualifiziert. "Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht", erzählt er. "Ich habe eine eigene Schießjacke entworfen und damit einen Weltrekord geschossen."
Auch wenn er den Aufwand für das Schießen nach London weiter zurückfahren wird, denkt Österreichs ältester Olympia-Teilnehmer noch nicht ans Karriereende: "Ich setze mir keine fixe Grenze und werde sicherlich noch weiterschießen." Im Dreistellungsmatch in London war er zweitältester Starter im Feld. "Ich bin am oberen Ende. Man kann zwar durchaus noch erfolgreich sein, aber es ist auch für mich eine Ehre, noch mithalten zu können", sagt Farnik und erzählt die Geschichte von einem schwedischen Kollegen, der sich 2004 60-jährig sportlich für Olympia qualifiziert hatte, von seinem Verband mit Verweis auf das Alter aber nicht mitgenommen wurde.
In diesem Alter wird Farnik aber voraussichtlich ohnehin nicht mehr um olympische Ehren schießen: "Ob ich 2016 noch dabei sein werde, kann ich noch nicht sagen." Seine Kritik am Verband - nach seinem Ausscheiden bemängelte Farnik mangelnde Trainingszeiten in London - wird seine Chancen auf eine weitere Olympia-Teilnahme nicht unbedingt erhöht haben.