London. (rie/apa) Es war einer der bewegendsten Momente bei den Olympischen Spielen in Peking 2008. Mit Tränen in den Augen hielt Matthias Steiner bei der Siegerehrung das Bild seiner tödlich verunglückten Frau in die Kameras. Ihr widmete der Gewichtheber die Goldmedaille im Superschwergewicht.
Das Bild war um die Welt gegangen. Vier Jahre später war nichts mehr wie damals. Steiner, inzwischen zum Society-Star avanciert, verheiratet mit einer TV-Moderatorin, trat in London an, um sein Gold zu verteidigen. Gleichwohl wissend, dass das außer Reichweite sei. Einen Medaillengewinn hatte er sich vorgenommen. Auch das schien schwer genug. Verletzungen im Vorfeld und zwei Über-Konkurrenten aus dem Iran ließen das Vorhaben zu einem beinah unumsetzbaren Traum zu machen. Und doch ging auch in London ein Bild Steiners um die Welt. Das Bild des gefallenen Helden.
Schon nach seinem zweiten Versuch war alles vorbei. Steiner ließ sich im Reißen 196 kg auflegen, kämpfte darum die Last in die Höhe zu stemmen, doch die Last war stärker. Steiner fiel, die Hantel auf ihn. Im Nacken wurde er getroffen. Der gebürtige Niederösterreicher blieb kurz benommen liegen - eingeklemmt unter der Hantel. Eiligst wurde ein Sichtschutz vorgespannt. Es dauerte nicht lange, da stand der 140-kg-Koloss wieder und grüßte ins Publikum. Der Wettkampf war für ihn damit dennoch vorbei.
Der gebürtige Niederösterreicher, der für Deutschland antritt, klagte über Schmerzen im Rückenbereich. Bei den anschließenden Untersuchungen im Spital wurden keine schwereren Verletzungen festgestellt. "Er hat keine Ausfälle, aber er hat Schmerzen - ihm tut alles weh", sagte Deutschlands Bundestrainer Frank Mantek am Tag nach dem Unfall."Er hätte gerne weitergemacht, aber die Gesundheit geht vor", betonte Michael Vesper, der Chef de Mission des deutschen Olympia-Teams.
Steiner will weitermachen
Steiners Karriere soll jedenfalls noch nicht zu Ende sein. "Es gibt keinen Grund aufzuhören", sagte er in der ARD. "Die Nacht war schmerzhaft. Die Schmerzen sind stärker als die Diagnose ist", konstatierte der 29-Jährige, bei dem nach eingehenden Untersuchungen eine Bandverletzung an der Halswirbelsäule, eine Prellung des Brustbeins und eine Muskelzerrung im Bereich der Brustwirbelsäule festgestellt worden war. "Ich bin nicht enttäuscht, weil ich hier gesund sitze", sagte Steiner, "ich habe Frau und Kind zu Hause. Es gibt auch noch ein anderes Leben."
Iranischer Top-Favorit setzte sich durch
Der Sieg ging erwartungsgemäß an den Iraner Behdad Salimikordasiabi. Der Weltmeister setzte sich mit einer Zweikampfleistung von 455 kg vor seinem Landsmann Sajjad Anoushiravani Hamlabad (449 kg) durch. Bronze ging an den Russen Ruslan Albegow (448 kg). Die beiden Iraner verwandelten die ExCel Arena in London in ein Tollhaus. Noch in der Schlussphase des Bewerbes, als die Platzierungen feststanden, ließen sie sich mit der iranischen Flagge auf der Bühne feiern. Salimi, wie der 22-Jährige genannt wird, küsste das Wappen.
Im Finish ließ sich der Olympiasieger im Stoßen die zum im Jahr 2000 von seinem Landsmann Hossein Rezazadeh aufgestellten Weltrekord von 472 kg nötigen 264 kg auflegen, scheiterte aber daran. "Iran, Iran", schallte es lautstark von den Rängen. Die fast 10.000 Zuschauer hatten aber auch Steiner mit großem Applaus bedacht, als er aus der Arena geleitet wurde - diesmal nicht als großer und glücklicher, sondern als tragischer Held.