London. Den Anfang macht wieder die Queen, wie schon vor ein paar Wochen, auch wenn ihr Auftritt diesmal vermutlich nicht so spektakulär inszeniert werden wird wie bei der Eröffnung der Olympischen Spiele, als die britische Königin mit einem Fallschirm über dem Stadion aus einem Hubschrauber sprang. Oder eben ein Double.
Doch allein die Tatsache, dass Elisabeth II am Mittwochabend (22 Uhr/ORF Sport +) die Paralympischen Spiele in London eröffnen wird, ist Beleg dafür, dass sich der Behindertensport in der öffentlichen Aufmerksamkeit und Wertschätzung seit Peking weiterentwickelt hat. "Die Welt hat in Peking begonnen, die Paralympics wahrzunehmen, in London gehts jetzt richtig los", sagt Philip Craven, der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC).
Die Teilnehmerzahlen sind im Vergleich zu Peking gestiegen, mehr als 4200 Sportler aus 166 Nationen werden bei den Spielen bis 9. September in London dabei sein, vor vier Jahren waren es noch 148 Teilnehmerländer. Österreichs Delegation umfasst 32 Athleten und Athletinnen, sie wird von Bundespräsident Heinz Fischer begleitet, der die Teilnahme an den Paralympics den Olympischen Spielen vorzog.
International erhofft sich das IPC durch Zuschauerzahlen und Medienberichten einen Boost. Fast alle der aufgelegten 2,5 Millionen Eintrittskarten sind bereits vergriffen, womit diese Spiele die Rekordzahlen aus Peking um das Doppelte übertreffen werden. Auch die mediale Berichterstattung wird größer als bisher sein. Rund 6000 Journalisten sind akkreditiert, ARD/ZDF werden täglich einige Stunden live übertragen, der ORF bringt von den Wettkämpfen jeden Tag Zusammenfassungen in ORF 1 sowie auf seinem Sportspartenkanal.
Zumindest bis 2020 werden die Paralympics weiterhin drei Wochen nach dem Ende der Olympischen Spiele an denselben Austragungsorten und denselben Wettkampfstätten veranstaltet, der Behindertensport spiele eine "fundamental wichtige Rolle in der olympischen Bewegung", hatte IOC-Präsident Jacques Rogge vor wenigen Wochen gesagt.
Kampf um Anerkennung
Tatsächlich war es ein langer Kampf für das IPC, dass die Ausrichter von Olympischen Spielen auch die Paralympics veranstalten, 1984 hatte sich etwa Los Angeles mit allen Händen und Füßen gewehrt, da es nicht in das "professionelle Image" der Veranstaltung passe. 1996 hatte man in Atlanta bereits mit den Abbauarbeiten begonnen, als die Behindertensportler kamen, und bot diesen absolut unwürdige Bedingungen für ihre Wettkämpfe. Und dass das IOC das ehemalige Logo der Paralympics, fünf Tropfen statt der Ringe, beeinspruchte und das IPC zwang, ein anderes Logo zu verwenden, war wohl auch ein wenig kleinkariert.
Das Umfeld, das die Paralympics heute den Sportlern bieten, ist höchst professionell und trägt damit auch der Entwicklung Rechnung, die im Behindertensport schon Jahre davor begonnen hat: der Professionalisierung. Zwar kann nach wie vor nur ein Bruchteil der Athleten vom Sport allein leben, doch die Trainingsumfänge stehen bei vielen jenen von Olympia-Sportlern um nichts nach.
Seinen Ursprung hat die paralympische Bewegung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gehabt, als in Großbritannien der deutsche Neurologe Ludwig Guttmann Methoden zur Behandlung von Querschnittlähmungen entwickelte, die nach wie vor angewandt werden. Diese sahen auch sportliche Betätigungen vor, es war daher ein fast logischer Schritt, Wettkämpfe zu organisieren, die in den Anfangsjahren Kriegsveteranen vorbehalten waren. Guttmann war später dann auch Schirmherr der ersten Spiele 1960 in Rom, an denen noch ausschließlich Rollstuhlfahrer teilnahmen.
Viele Klassen
Mittlerweile stehen die Paralympics allen körperlich behinderten Sportlern offen, und erstmals seit Sydney 2000 werden auch wieder intellektuell beeinträchtigte Athleten dabei sein. In Sydney hatte es einen großen Skandal gegeben, als herauskam, dass ein Großteil der spanischen Basketballsieger eben keine Beeinträchtigungen hatten. Da dies schwer zu kontrollieren war und keine geeigneten Tests zur Verfügung standen, wurden intellektuell Beeinträchtigte, die einen IQ von unter 70 aufweisen müssen, vorübergehend ausgesperrt. In London treten sie nun im Rudern, Tischtennis, der Leichtathletik und Schwimmen an. Geistig behinderte Sportler sind nicht Teil der Paralympics, sie treten alle vier Jahre bei den Special Olympics an, die aber nicht an die Austragung von Olympischen Spielen gebunden sind.
Um in den Wettkämpfen Chancengleichheit zu gewährleisten, gibt es unterschiedliche Klassen, wie auch bei Olympischen Spielen. Nur werden bei den Paralympics die Sportler nicht nur nach Gewicht und Geschlecht getrennt, sondern eben auch nach der Art und Schwere der Behinderung.
Im Groben gibt es sechs verschiedene Klassen: Amputierte, Sehbehinderte, Rollstuhlfahrer, Kleinwüchsige, Athleten mit vom Gehirn ausgehenden Bewegungsstörungen sowie eine weitere Klasse, in der alle übrigen Beeinträchtigungen zusammengefasst werden. Dass diverse Unterklassen seit einigen Jahren zusammengelegt werden, bietet der Öffentlichkeit zwar eine bessere Übersicht, allerdings geht dies zulasten der Chancengleichheit. Bei Amputierten etwa ist es ein Unterschied, ob ein Finger, die ganze Hand oder der Unterarm fehlt.
