Spa-Francorchamps. (art) Als Michael Schumacher an dem Plakat vorbeiging, musste er kurz grinsen. "Michael, make it 400!", stand da in großen Lettern im Zentrum Spas. 400 Grand-Prixs? Schumacher kann sich ja viel vorstellen, aber das dann doch nicht. Ob und wie lange er seine Karriere nach dem Auslaufen seines Vertrages am Ende der Saison fortzusetzen gedenkt, weiß der 43-Jährige noch nicht - oder er will es nicht verraten. Frühestens im Oktober sei eine Entscheidung zu erwarten, sagt er stets als Antwort auf eine der zur Zeit am heftigsten debattierten Fragen der Formel 1. Schumacher will den Spekulationen keine Nahrung geben, und immerhin sei schon die 300 eine Zahl, an die er nie gedacht hätte. Doch genau so viele Grand-Prix-Starts wird er am Sonntag (14 Uhr) hinter sich gebracht haben. Dass es hier, in den belgischen Ardennen, passiert, sei natürlich purer Zufall, "aber irgendwie war es auch erwartbar", sagt er.

Denn Michael Schumacher und Spa, das ist eine besondere Geschichte, wäre es nicht unpassend kitschbehaftet in der rasanten Welt der Formel 1, könnte man sie gar eine Liebesgeschichte nennen. Dass er gerade hier 1991 sein erstes Rennen bestritt, war natürlich auch nichts mehr als Zufall, doch mittlerweile ist die Geschichte Formel-1-Folklore: Jordan-Stammfahrer Bertrand Gachot saß im Gefängnis, woraufhin Schumacher-Manager Willi Weber Teamchef Eddie Jordan mit einer Finte - und entsprechender Mitgift - überredete, den jungen Deutschen ans Steuer zu lassen. Dass die Fahrt nach 700 Metern mit einem Defekt endete, tat der Legendenbildung, die in den kommenden Jahren folgen sollte, keinen Abbruch.
Unter den Erwartungen
Denn schon ein Jahr später feierte Schumacher an selber Stelle seinen ersten Sieg, dem 90 weitere folgen sollten, insgesamt sechs waren es alleine in Spa. Und 2004 fixierte er hier seinen bisher letzten WM-Titel. Die Berg- und Talfahrt auf dem 7,004 Kilometern langen Kurs lag dem Perfektionisten Schumacher schon immer, stets bezeichnete er sie als seine Lieblingsstrecke.
Und gilt er anderswo als Reizfigur, verehren ihn die Einwohner der Kleinstadt, die nur 70 Kilometer Luftlinie von seinem Heimatort Kerpen entfernt ist und damit weniger weit als Melk von Wien, noch immer. Das Plakat ist ein Beleg dafür. Dass er quasi zum Auftakt des Jubiläumswochenendes am Donnerstag die Ehrenbürgerschaft verliehen bekam, ein weiteres. "Jetzt kann ich auch offiziell sagen, dass Spa mein Wohnzimmer ist", sagt er.
"Irgendwie kreist meine Karriere um Spa", meint er auch. Dass er diesmal hier einen Meilenstein setzen wird können, darf dennoch bezweifelt werden. Denn mit den besten Rennställen kann Mercedes trotz aller Anstrengungen auch im dritten Jahr seines Bestehens als eigenes Team und im dritten Jahr von Schumachers zweiter Karriere nicht mithalten. Dabei war es bei seinem Comeback 2010 nach dreieinhalbjähriger Pause das erklärte Ziel des Deutschen, seinen sieben WM-Titeln einen weiteren hinzuzufügen. Die Bilanz bisher ist bescheiden: Erst ein einziges Mal, heuer in Valencia, landete Schumacher seither als Dritter auf dem Stockerl, in der laufenden WM liegt er nach elf Rennen auf dem zwölften Platz. An der Fitness Schumachers liegt das kaum, auch wenn Teamkollege Nico Rosberg die besseren Ergebnisse erzielte. Vielmehr hat sich Mercedes mit dem Kauf des Teams von Brawn GP um 115 Millionen Euro und der großspurigen Ankündigung einer erfolgreichen deutschen Nationalmannschaft etwas viel zugemutet. Brawn hatte zwar 2009 den WM-Titel geholt, allerdings war dies zu einem guten Teil dem Doppeldiffusor geschuldet. Als dieser verboten wurde, war der aerodynamische Vorteil dahin. Und Plan B gab es bei den Ingenieuren offenbar keinen brauchbaren.
Seitdem wird an jeder Schraube gedreht, um das Auto doch auf die Siegerstraße zu bringen, auch während dieser Sommerpause und auch mit Überstunden von Schumacher in der Fabrik. Dass er ein maßgeblicher Faktor in der Weiterentwicklung ist, könnte daraufhindeuten, dass er doch weitermacht. Denn Schumacher mag eine Form von Altersmilde überkommen sein, er wirkt bei weitem nicht mehr so verbissen wie während seiner ersten Karriere, als er mit einer Kaltschnäuzigkeit, die bisweilen die Grenzen der Fairness sprengte, von Sieg zu Sieg eilte. Doch der Ehrgeiz, der ihn früher ausgezeichnet hat, ist keineswegs verloren gegangen, der große Traum, sein Comeback mit einem Sieg zu krönen, geblieben. "Ich habe nach wie vor den Glauben, dass wir es schaffen können."