• vom 07.09.2012, 19:48 Uhr

Mehr Sport

Update: 08.09.2012, 11:37 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gigantismus hat die Paralympics erreicht

Glänzender Schein



  • Die Paralympische Bewegung hat in London einen neuen Höhepunkt erreicht.

London. (art) Um einige Wochen konnten sie ihn verlängern, ihren Sportsommer. Die Welt blickte nach London, zuerst zu den Olympischen Spielen, dann zu den Paralympics. Wurden diese bis vor kurzem von einer breiten Masse noch als Anhängsel wahrgenommen, bekam man hier nun tatsächlich das serviert, was Organisationschef Sebastian Coe schon bei der Eröffnung angekündigt hatte - "Spiele, an die man sich erinnern wird."

Oscar Pistorius ist weltweit ein Star. So eine Aufmerksamkeit hatten Behindertensportler noch nie.

Oscar Pistorius ist weltweit ein Star. So eine Aufmerksamkeit hatten Behindertensportler noch nie.© dapd Oscar Pistorius ist weltweit ein Star. So eine Aufmerksamkeit hatten Behindertensportler noch nie.© dapd

Nun, da sich am Sonntag der Vorhang endgültig senkt, ist klar, dass diese Prognose keineswegs zur üblichen Rhetorik zählte, die sich dann als leere Floskel erweisen würde. Noch nie erregten Paralympische Spiele weltweit eine derart große Aufmerksamkeit, noch nie war die Medienberichterstattung größer. "Diese Paralympischen Spiele scheinen alle Rekorde zu brechen", sagt Greg Hartung, der Vizepräsident des internationalen paralympischen Komitees. Und tatsächlich: Die im Vorfeld erwartete Zahl von insgesamt vier Milliarden Fernsehzuschauern wird wohl übertroffen werden, alleine den 100-Meter-Lauf am Donnerstag, als Jonnie Peacock Gold errang, sahen sechs Millionen Menschen auf Channel 4. Der Sender hatte sich die Übertragungsrechte für neun Millionen Pfund gesichert und damit BBC im Bieterstreit - auch das gab es noch nie - ausgestochen. Die Bewerbe fanden in fast ausverkauften Sportstätten und auf höchstem sportlichen Niveau statt. In Peking vor vier Jahren waren noch viele Ränge leer geblieben, mit 2,7 Millionen Tickets verkauften die Veranstalter um 900.000 mehr als die Chinesen, die Einkünfte werden sich auf mindestens 55 Millionen Euro belaufen.

Und für die Sponsoren hat sich das Geschäft mit den Paralympics schon jetzt mehr als bezahlt gemacht. Noch sind die investierten Summen geringer als bei Olympischen Spielen - obwohl die 20 Millionen Pfund, die die Supermarktkette Sainsbury als Hauptsponsor beisteuert, schon beachtlich sind - und der Imagetransfer funktioniert offenbar bestens. "Wir nehmen einen signifikanten Anstieg an Sympathie uns gegenüber wahr", sagt Sainsbury-Marketing-Chef Jat Sahota zu Reuters. Schließlich werden mit den Paralympics immer besondere Werte verbunden, noch mehr als mit den ohnehin schon moralisch grenzwertig überladenen Olympischen Spielen.

Doch genau das ist auch die Zwickmühle, in der sich die Paralympics derzeit und in Zukunft befinden: Zum einen hat auch bei ihnen der Gigantismus Einzug gehalten, geht es um sportliche Höchstleistungen und für die Athleten um Medaillen, zum anderen sollen sie so viel mehr leisten: Sie sollen Menschlichkeit, Optimismus, Lebensfreude vermitteln und zu mehr Anerkennung für den Behindertensport und Menschen mit Behinderung im Allgemeinen führen.

Das mag während der Spiele der Fall sein, doch für viele ist das, was man derzeit zu sehen bekommt, lediglich eine Scheinwelt - genauso wie es die Marketingmaschinerie Olympia längst ist. Gerade in Großbritannien hat die Debatte um Einschnitte in der Behindertenhilfe einen Höhepunkt erreicht, bisweilen hat es für Politiker, die sich im Glanz der Medaillengewinner sonnten, auch Pfiffe gegeben.

Ein Zuschauer im Rollstuhl formuliert seine Skepsis im "Guardian" so: "Die Regierung hat eine Illusion aufgebaut, um Großbritannien als barrierefreies Land darzustellen, aber das ist nicht so. Jetzt werden wir wie VIPs behandelt. Auch das ist normalerweise anders."



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-07 19:56:06
Letzte Änderung am 2012-09-08 11:37:55


Beliebte Inhalte



Indes gehen die Verhandlungen zwischen den Favoritnern und 1899 Hoffenheim um Torschützenkönig Philipp Hosiner laut dessen Berater Wolfgang Rebernig weiter. - APA/HELMUT FOHRINGER
  • Hosiner-Wechsel zu Deutschen nach wie vor nicht vom Tisch
  • weiter

Rapid-Präsident Rudolf Edlinger sieht sich mit pikanten Vorwürfen konfrontiert. - apa/Hochmuth
  • Ex-Ultras-Chef war bis zur rechtskräftigen Verurteilung in Rapids Reformkommission.
  • weiter

Dani Alves, Jo und Neymar hatten Grund zum Jubeln. - APAWeb / EPA Vor dem Hintergrund landesweiter  Protesten hat Brasilien  in Fortaleza  Mexiko 2:0 (1:0) besiegt. Der neue Superstar Neymar (9...weiter

"Krankl schießt ein!" Gehört hat diesen Satz von Edi Finger vor den TV-Geräten niemand. - dpa
  • Der Sportsoziologe Matthias Marschik über die WM 1978 - Mythos und Realität.
  • weiter

Toni Polster kommt doch noch in die Bundesliga. - apa
  • Vier Bundesligisten gehen mit neuen Trainern in die Saison.
  • weiter

An den Reifen kommt man in der Formel 1 derzeit nicht herum. - ap
  • Diskussion um weiche Bereifung und illegale Tests geht in die nächste Runde.
  • weiter

Marc Janko zeigte wieder altbekannte Torjägerqualitäten, Alaba traf zuvor zum 1:0. - apa/Neubauer
  • Ein Elfer drehte die Partie - Österreich hat nun realistische Chancen auf Platz 2.
  • weiter



Werbung




Werbung