New York. Was die Vergangenheit angeht, und sei sie noch so nah, ist der Sinn der Amerikaner traditionell endendwollend; im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten zählte und zählt einzig und allein die Zukunft, und wer das nicht glauben mag, der frage die Wahlkampfmanager von Mitt Romney. Den Blick zurück inklusive der mitunter mühsamen Arbeit der Reflexion und der daraus resultierenden Lehren überlassen die Bürger der Vereinigten Staaten gern den professionellen Historikern, die sind in der Regel ungefährlich, und man bekommt sie weder im Hauptabendprogramm noch in den Werbepausen zu sehen. Eine derartige Einstellung macht die Arbeit von Revisionisten leicht, und der Sport bildet dabei keine Ausnahme. College Football, der populärste Zuschauersport der USA, mit seinen Megastadien und Milliardenumsätzen, gilt gestern wie heute als Spiel des amerikanischen Südens. Alamaba, Lousiana State (LSU), Texas A&M, Georgia: So lauten die Namen der Hochburgen der, was die Zuschauerzahlen angeht, mit Abstand populärsten Sportart der USA.

Die nahezu verschütteten Anfänge des Spiels, dessen neue Saison dieser Tage angelaufen ist, liegen indes im Norden. Genauer: im Nordosten des Landes. Rund eine halbe Zugstunde von New York City entfernt, wo heute eine schmucklose Turnhalle steht, trafen sich am 6. November 1869 am Nielson Field zu New Brunswick im Bundesstaat New Jersey die Studenten der Universitäten Rutgers und Princeton zu einem Spiel, das dem englischen Rugby ähnelte, aber Elemente aus dem Fußball enthielt. Den je 25 Spielern, welche die Farben der benachbarten Unis vertraten - Rutgers und Princeton liegen keine 33 Kilometer auseinander -, verlangte dieses Spiel vor allem eins ab: körperliche Robustheit. Sie kickten, warfen und stießen den eierförmigen Ball herum, am Ende siegte Rutgers 6:4, und eine neue Sportart ward geboren: American Football.
Während es bis zur Gründung der ersten Profiliga, der National Football League (NFL), noch bis 1920 dauern sollte, etablierte sich das Spiel über die Jahrzehnte bis dahin als quasi akademisch legitimierte Kraftmesserei zwischen rivalisierenden Hochschulen - und weit darüber hinaus. Bis heute.
Mehr als 100.000 Zuschauer
Wie groß die Begeisterung ist, lässt sich am ehesten an den Fassungsvermögen der Spielstätten der College-Football-Teams festmachen. Das größte Stadion Amerikas steht nicht in den Metropolen New York und Los Angeles, sondern am Campus der Michigan State University (wo die "Wolverines" spielen). Es fasst rund - sprechen Sie die Zahlen, wie die der folgenden, leise nach - 110.000 Zuschauer. Ihm folgen jenes von Penn State ("Nittany Lions", rund 108.000), jene der Tennessee University ("Volunteers") und der Ohio State University ("Buckeyes"), die für den Besuch von je 103.000 Menschen konzipiert sind, sowie zwei weitere, die knapp 102.000 zulassen (Alabama, "Crimson Tide" und Texas University, "Longhorns"). Und das sind nur die Größten der Großen. Voll sind sie verlässlich.