Seattle. (art) Es ist schon wieder passiert. Schiedsrichter haben ein Spiel entschieden. Nicht dass das etwas Außergewöhnliches wäre, und gestritten wird ja immer. Doch in der nordamerikanischen Football-Liga NFL sind Diskussionen über die Leistungen der Unparteiischen derzeit an der Tagesordnung, und sie haben eine etwas größere Dimension: Da die Liga die etatmäßigen NFL-erfahrenen Referees im Zuge gescheiterter Vertragsverhandlungen ausgesperrt hat, müssen derzeit Ersatzleute aus unteren Amateurligen einspringen - und die zeichnen sich bisher mehrheitlich durch Fehlentscheidungen, merkwürdige Regelauslegungen und Konfusion aus.

Der 14:12-Sieg der Seattle Seahawks über die Green Bay Packers reihte sich in der Nacht auf Montag nahtlos in diese unglückliche Serie ein. Nach einem Gerangel in der Endzone zwischen Packers-Verteidiger M.D. Jennings und Seattle-Receiver Golden Tate herrschten chaotische Zustände auf dem Platz, die Spieler waren verwirrt, die Schiedsrichter uneins, ehe schließlich der Touchdown gegeben wurde, der Seattle den Weg zum Sieg ebnete. Eine wohl falsche, zumindest aber strittige Entscheidung. Außer Frage steht aber, dass den Schiedsrichtern die Szene komplett entglitten ist. Und weil das eben nicht das erste Mal in dieser Saison ist, wird als Reaktion darauf der Ruf nach den offiziellen Referees nun unüberhörbar.
"Wenn man davon ausgeht, dass jede Publicity gute Publicity ist, hat die NFL einen zynischen PR-Coup gelandet", schreibt ESPN.com, im Sekundentakt trudeln die mehr oder minder erregten Foreneinträge ein. Und während bei den Verlierern erwartungsgemäß Fassungslosigkeit regierte, wirkten nicht einmal die Gewinner so richtig glücklich mit der Gesamtsituation: "Das schadet dem Sport. Je früher wir unsere richtigen Schiedsrichter zurück haben, desto besser", sagte Seahawks-Spieler Zach Miller. "Die Glaubwürdigkeit des Spiels ist zu wichtig, als dass wir es uns leisten könnten, sie nicht zurückzubekommen." "Es ist Zeit, dass es vorbei ist", meinte auch Trainer Pete Carroll.
"Sehr viele Aktionen, die zu Verletzungen führen können"
Die NFL geht dieser Tage in ihre vierte Runde, 17 Spieltage umfasst der Grunddurchgang. Und bei der Häufung an strittigen Entscheidungen befürchten Spieler, Trainer und Fans, dass der Kampf um die Play-offs davon beeinträchtigt sein könnte. Zudem steigt die Sorge um die Gesundheit der Spieler. Man ist sensibler geworden seit den Erkenntnissen, die im Vorjahr mit der unschönen wie treffenden Überschrift "Kopfgeld-Skandal" in die Geschichte der NFL eingegangen sind. Damals wurde nämlich bekannt, dass Spieler anderen mutwillig karrierebedrohende Verletzungen zugefügt haben - und dafür Prämien erhalten haben.
Die NFL hat daraufhin einen Maßnahmenkatalog erstellt, um das Risiko schwerer Verletzungen zu minimieren. Nun befürchten viele, dass gefährliches Verhalten nicht einmal sanktioniert werden kann - weil die Schiedsrichter die Fouls aufgrund der Überforderung mit dem zunehmend steigenden Tempo nur mangelhaft ahnden. Er habe in der laufenden Saison schon "sehr viele illegale Aktionen gesehen, die zu schweren Verletzungen führen können", sagt Troy Aikman, der früher selbst in der Liga gespielt hat und nun als TV-Kommentator im Einsatz ist.
Arbeitskampf um Grundsätzliches
Doch dass sich an der derzeitigen Situation bald etwas ändert, scheint derzeit unwahrscheinlich. Zumindest bis zum fünften Spieltag sollen die Ersatzschiedsrichter jedenfalls noch im Einsatz sein, und die Aussichten für eine Einigung bis dahin sind schlecht. Zu weit liegen die Auffassungsunterschiede zwischen den Schiedsrichtern und der Liga derzeit noch auseinander.
Denn es geht nicht nur - wie bei den meisten Arbeitskämpfen, die in den vergangenen Jahren in den nordamerikanischen Sportligen in Mode gekommen sind und aktuell etwa auch den Eishockey-Betrieb der NHL lähmen - ums Geld, sondern vor allem um grundsätzliche Fragen: Die in der NFL beschäftigten Referees haben allesamt Amateurstatus und gehen hauptberuflich - oft gut bezahlten - Jobs nach. Die NFL überlegt nun, das System auf einen (partiellen) Profibetrieb umzustellen, wofür allerdings die geeigneten Rahmenbedingungen bezüglich Bezahlung und Pensionen erst noch geschaffen werden müssten.
Dass dies binnen zwei Wochen passiert, ist eher unwahrscheinlich. Und bis es so weit ist, heißt es wohl: weiterwurschteln. Und hoffen, dass nicht Schlimmeres passiert, wenn wieder einmal etwas passiert.