Medinah. (art) Immer wieder Seve Ballesteros. Seit Europas Golf-Elite in dieser Woche zum Ryder-Cup-Duell gegen die USA nach Illinois aufgebrochen ist, verging kein Tag, an dem der Name Ballesteros nicht gefallen ist. Gilt der Ryder Cup im Golfsport ohnehin schon als das Ereignis schlechthin, gespickt mit allen erdenklichen Anekdoten über große Triumphe und veritable Skandale, ist er diesmal für die Europäer vielleicht noch ein wenig spezieller. Sie haben die einstige Dominanz der USA durchbrochen und gehen nun als Titelverteidiger ins Turnier. Aber das ist nicht alles. Da ist eben auch noch Seve Ballesteros, der allgegenwärtig ist. Der Ryder Cup 2012 ist nicht nur ein Prestigeduell, er ist eben auch gewissermaßen eine Gedenkveranstaltung für den im Vorjahr an Krebs verstorbenen Golf-Star.

Seit seinem Tod hat José Maria Olazábal, Kapitän des europäischen Teams, langjähriger Wegbegleiter und enger Freund seines Landsmannes aus Spanien, nach Möglichkeiten gesucht, ihn zu ehren - durch den Aufdruck der Silhouette Ballesteros bei einer mittlerweile ikonisierten Jubelgeste glaubt er, eine solche gefunden haben. "Wir denken, das ist eine gute Möglichkeit, wie er uns bei jedem Schritt begleiten kann", sagt Olazábal. "Dieser Bewerb ist die geeignete Gelegenheit, einem wahren Champion und Freund Tribut zu zollen."
Der Ryder Cup ist überladen mit Geschichten und Geschichte, und tatsächlich hat Ballesteros sie in den vergangenen Jahrzehnten federführend mitgeschrieben. Acht Mal hat er selbst teilgenommen, und 1997 führte er das europäische Team als Non-Playing-Captain zum Sieg. Und selbst, wenn er nicht dabei war, war er doch präsent. "2010 hat er noch mit jedem telefoniert", sagt Olazábal. "Es ist großartig, dass er zumindest mit seinem Bild bei uns ist", findet auch Justin Rose, der in Ballesteros nicht nur ein Vorbild als Sportler sah, sondern auch menschlich von ihm geprägt wurde. Als er zum Auftakt seiner Karriere auf der European Tour aufgrund einer miserablen Serie zu zweifeln begann, sei er "einer der wenigen Typen gewesen, die einfach so hergekommen sind, mich umarmt haben und durch wenige Worte wirklich ermutigen konnten", sagt er.
Der Tiger Woods Europas
Doch Ballesteros, dekoriert mit fünf Major-Siegen sowie Auszeichnungen wie "Europas Golfer des Jahrhunderts" und "Spaniens Sportler des Jahrhunderts", war nicht nur selbst eine der herausragenden Figuren seiner Zeit auf dem Golfplatz und Vaterfigur für viele junge Spieler, sondern auch maßgeblich daran beteiligt, dass Europas Golfsport derzeit da steht, wo er jetzt ist. Er hat seit seinem Debüt 1979 mitgeholfen, das europäische Team wieder konkurrenzfähig zu machen und später, die schon langweilige Siegesorgie der USA zu beenden. Er hat einen eigenen Bewerb, die Seve Trophy, gestiftet, in dem nach Vorbild des Ryder Cups Kontinentaleuropa gegen Großbritannien antritt. Er hat mit seinem unorthodoxen Spiel, das auf seiner Stärke bei kurzen Schlägen, Kreativität und Courage basierte, mindestens eine Generation an jungen Spielern inspiriert - und auf diese Weise Menschen für den Golfsport begeistert, die sich vorher nie dafür interessiert haben. Er sehe sich eben eher als Künstler denn als Sportler, sagte er selbst einmal. Und das gefiel.
Den Einfluss Ballesteros fasste der mehrfache Major-Sieger Nick Price nach dessen Tod so zusammen: "Er hat für Europas Golfsport das geleistet, was Tiger Woods für den globalen Sport getan hat." Für Lee Westwood wiederum sei er "Genie, Vorbild, Held und Freund" gewesen. Der 39-Jährige ist mit acht Ryder-Cup-Teilnahmen der Veteran in der ansonsten recht jungen europäischen Mannschaft. Angeführt wird sie vom 23-jährigen Rory McIlroy, dem Weltranglistenersten. Der war bei Ballesteros letztem Major-Sieg, 1988 bei den British Open, noch nicht einmal geboren. Seinem Schatten kann aber auch er nicht entkommen. Und wenns nur durch das Bild auf der Tasche ist.