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Update: 05.04.2016, 13:14 Uhr

Korea

"Auf dem Eis gibt es keine Politik"




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Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Im März hat ein Kanadier ein internationales Eishockey-Turnier in Pjöngjang organisiert - nur wenige Wochen nach dem jüngsten Atomtest.

Für Aaron Geddes (r.) fanden die freiesten Interaktionen mit den Nordkoreanern auf dem Eis statt.

Für Aaron Geddes (r.) fanden die freiesten Interaktionen mit den Nordkoreanern auf dem Eis statt.© Privat/Aaron Geddes Für Aaron Geddes (r.) fanden die freiesten Interaktionen mit den Nordkoreanern auf dem Eis statt.© Privat/Aaron Geddes

Pjöngjang/Seoul. Die Eltern von Aaron Geddes haben schon lange damit aufgehört, sich Sorgen um die Reisen ihres Sohnes zu machen. Als der Kanadier das erste Mal auf eigene Faust loszog, ging es gleich in den Iran. Heute sagt der 34-Jährige: "Irgendwie habe ich mir immer etwas außergewöhnliche Reiseziele ausgesucht." Sein jüngster Stempel im Reisepass ist dennoch ein ganz besonderer: Nur wenige Tage nachdem die Vereinten Nationen das nordkoreanische Regime für ihren jüngsten Atomtest mit drakonischen Wirtschaftssanktionen abstraften, fuhr Geddes nach Pjöngjang. Kein Problem, sagt er, schließlich habe er bereits zwölf Jahre lang nur eine knappe Autostunde von der Landesgrenze gelebt - als Englischlehrer in Seoul: "Die Südkoreaner müssen seit 70 Jahren bereits mit der konstanten Bedrohung umgehen, doch die meisten scheren sich nicht wirklich drum, was der Norden wieder anstellt." Und die Möglichkeit, die sich ihm auftat, schien wie ein Sechsergewinn im Lotto: mit einem internationalen Team mehrere Eishockey-Freundschaftsspiele gegen die nordkoreanische Nationalmannschaft bestreiten. Geddes, der bereits mit zwei Jahren zum ersten Mal auf Skates gestanden ist, sagte sofort zu.

In den 50er Jahren brachten die Sowjets den Wintersport nach Nordkorea, seitdem sind die Koreaner ständig am Puck geblieben. Momentan belegt das Männerteam immerhin den 43. Platz in der IHF-Weltrangliste, die Frauen haben es gar auf den 29. Rang geschafft. Dabei gibt es wenige Eishallen im Land, und auch die nötige Sportausrüstung ist Mangelware. Mastermind hinter dem Turnier ist der ebenfalls in Kanada geborene Michael P. Spavor. Als Gründer von Paektu Cultural Exchange holt der 41-Jährige regelmäßig Ausländer ins Land. Fast die Hälfte seines Lebens hat Spavor nun schon mit Nordkorea zu tun. Als einer der wenigen Westler genießt er das Vertrauen vieler Entscheidungsträger in Pjöngjang. In seiner Anfangszeit sei es noch nahezu unmöglich gewesen, eine Einreisegenehmigung zu gelangen. "Mittlerweile ist es ganz einfach. Das chinesische Visum ist manchmal ein größeres Problem", sagt er.


Vielen Regierungen bereitet es dennoch Kopfschmerzen, wenn ihre Bürger in das Reich von Kim Jong-un aufbrechen. Erst jüngst am 16. März wurde ein 22-jähriger US-Student mit dem klingenden Namen Otto Warmbier zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, weil er von den Überwachungskameras des Hotelflurs dabei gefilmt wurde, ein Propaganda-Banner zu stehlen. Da fast die Hälfte der Hockey-Gruppe die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, erhielt Spavor vor der Einreise ein E-Mail vom US-Außenministerium. Darin wurde er dazu aufgefordert, eine gut gemeinte, wenn auch etwas merkwürdige Botschaft an alle Teilnehmer laut vorzulesen: "Verhalten Sie sich wie eine Pfadfindertruppe beim Tee-Besuch einer Großmutter. Was bei uns als Unfug oder Faxen abgetan würde, kann Sie in Nordkorea ins Gefängnis bringen. Bitte warten Sie mit ausufernden Siegesfeiern, bis Sie das Land verlassen haben."

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Schlagwörter

Korea, Nordkorea, Südkorea, Eishockey

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-01 17:20:06
Letzte ─nderung am 2016-04-05 13:14:08



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