• vom 10.03.2017, 07:00 Uhr

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Update: 10.03.2017, 08:21 Uhr

Sportpolitik

Tag für Tag eine Kraftprobe




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Von Arian Faal aus Dubai

  • Arabische Frauen in Dubai erkämpfen sich über den Sport Stück für Stück Freiheiten.

Trainieren im Top bleibt für viele arabische Frauen ein unerfüllbarer Wunschtraum. - © Fotolia/Ingo Bartussek

Trainieren im Top bleibt für viele arabische Frauen ein unerfüllbarer Wunschtraum. © Fotolia/Ingo Bartussek

Dubai. Sarah Sharif hat es eilig. Schnell packt die 23-jährige Perserin ihren Fisch, den sie soeben am Großmarkt gekauft hat, in ihre Tasche ein. "Wenn Sie eine junge, stylische Frau ohne Verschleierung sehen, die ihren Autoschlüssel und das iPhone 7 in der Hand und eine operierte Stupsnase hat, dann bin das ich", hatte sie am Telefon noch gesagt. Sarah ist eine von mehr als 500.000 Persern in Dubai (rund drei Millionen Einwohner), das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört. "Gleich treffe ich Layla und Helena, dann können wir ihnen erzählen, warum Sport in den männerdominierten arabischen Ländern ein Schlüssel zur Freiheit ist", sagt sie.

Es ist windig und bewölkt an diesem Nachmittag, das hektische Treiben in Deira, im Altstadtviertel Dubais, nimmt seinen gewohnten Lauf: Staus dominieren die engen Gassen des Arbeiterbezirkes, tausende Hilfsarbeiter aus Pakistan, Bangladesch und Indien schreiten hektisch durch die Gegend, Touristen erfreuen sich an den vielen Imbiss- und Gastronomieständen. Inmitten der Hotels, Hochhäuser und Flaniermeilen mit Geschäften und Gärten sieht man immer wieder eine Werbereklame mit drei Buchstaben: "GYM". Der weiße Hintergrund der Aufschrift soll die roten Buchstaben noch mehr zur Geltung bringen.


Fitnesscenter ist aber nicht gleich Fitnesscenter: Auch hier gilt die arabische Geschlechtertrennung. Die Mehrzahl der Klubs sind nur Männern zugänglich, dann gibt es einige ausschließlich für Frauen. Nur in den Hotels dürfen die Touristen auch gemischt trainieren. Für Einheimische gilt zudem der Kodex - sprich: Ihr angemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit ist vordefiniert. Je nachdem, aus welchem Familienhaus arabische Mädchen kommen, entscheidet sich auch die Auslegung der strengen Sittenregeln der Scharia.

"Wo leben wir denn?"
So gibt es etwa junge Mädchen aus reichen Häusern, die ihr Fitnesscenter zuhause im Untergeschoß haben. Der Vater will so vermeiden, dass ihre Tochter, die auswärts nur mit Verschleierung in Erscheinung treten darf, "in die Irre geführt wird". "Einige junge Mädchen werden ins Fitnessstudio gebracht, dort wieder abgeholt und ständig beobachtet, um ja keine Sekunde Freiheit genießen zu können oder vielleicht jemanden kennenzulernen. Wo leben wir denn? Hallo?", sagt die Perserin und zieht an ihrer Zigarette. "Wo jedoch etwas verboten ist, macht man es unter dem Tisch doppelt so oft", sagt Sarah und schüttelt den Kopf. "Wobei ich der Fairness halber dazu sagen muss, dass Dubai wegen des Standorts als Touristenhotspot notgedrungen eh schon aus dem Mittelalter in die Neuzeit geschritten ist und viel liberaler denkt als etwa Saudi-Arabien", fügt sie hinzu.

In der Tat hat sich viel getan in der Stadt der Wolkenkratzer: In den vergangenen fünf Jahren haben dutzende Fitnesscenter für Frauen ihre Türen geöffnet, für westliche Besucher gibt es mittlerweile auch gemischte Trainingsklubs mit angrenzendem Spa-Bereich. Viele arabische Frauen dürfen immerhin schon alleine zum Sport gehen - das war früher unmöglich.

Ausscheren aus den Zwängen
Im Restaurant "Akbar Joujeh" im dritten Stock des Deira Twin Towers bei der Metro-Haltestelle Baniyas treffen wir Sarahs Freundinnen zu einem Glas Tee. "Es sind dies die kleinen Momente, in denen ich ich selbst sein kann - ohne Schleier und ohne Zwang", sagt Layla K. Im Alltag ist sie verschleiert und spricht nicht mit Fremden, doch einmal in der Woche, beim Fitnessnachmittag, da schert sie aus den Zwängen aus. Kein Niqab. Kein gesenktes Haupt. Keine Bevormundung. "Es ist Tag für Tag eine Kraftprobe. Normalerweise dürfte ich jetzt nicht hier sitzen, plaudern und dann einfach ohne Schleier ins Fitnessstudio gehen", sagt sie. Aber der Reiz des Ausprobierens und des Verbotenen seien zu groß. "Wenn es nach meinem Vater gehen würde, sollte ich den ganzen Tag zuhause sitzen. Er hat gesagt, dass Fitnesscenter etwas für verdorbene und nuttenhafte Mädchen sind, die nur dorthin gehen, um gut auszusehen und dann herumzuhuren." Laylas Blick ist traurig, dann klopft sie Helena, der Dritten im Bunde, auf die Schulter. "Sei froh, dass du als Touristin hier unsere Sorgen nicht hast", sagt sie.

Helena Klewiscki kommt aus Polen und hat einen persischen Freund. Über ihn ist sie mit Sarah befreundet. Sie macht für drei Wochen in Dubai Urlaub und genießt im Stadtteil Marina ihren Aufenthalt in vollen Zügen: schwimmen gehen im Badeanzug, mit dem Top ins hoteleigene Fitness-Studio. Von den erwähnten Zwängen bekommt sie nichts mit. Heute will sie sich ein Fitnesscenter für Frauen ansehen, in dem auch viele Einheimische trainieren. "Es ist eigentlich nicht anders als in Europa im Frauen-Gym, nur dass wir hier ein wenig unsere Freiheiten auskosten und uns westlich fühlen, wenn wir mit T-Shirt und Sporthose am Laufband trainieren und Musik hören", sagt Layla, ehe sie auf ihr Mobiltelefon blickt. Eine Nachricht: "Komm nicht zu spät nach Hause". Die Realität hat sie wieder.

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Schlagwörter

Sportpolitik, Dubai, #femstorm

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-09 16:44:07
Letzte nderung am 2017-03-10 08:21:01



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