• vom 05.04.2017, 16:30 Uhr

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Update: 05.04.2017, 17:09 Uhr

Sportdiplomatie

Derby-Diplomatie auf Koreanisch




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Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Während die Spannungen auf einen neuen Höhepunkt zulaufen, könnten die beiden verfeindeten Länder im Sport zueinanderfinden.

Das nordkoreanische Eishockey-Team wird bei der Damen-WM in Südkorea heftig akklamiert - und auch blau-weiße Vereinigungsflaggen werden auf den Rängen eifrig geschwenkt. - © ap/Ahn Young-joon

Das nordkoreanische Eishockey-Team wird bei der Damen-WM in Südkorea heftig akklamiert - und auch blau-weiße Vereinigungsflaggen werden auf den Rängen eifrig geschwenkt. © ap/Ahn Young-joon

Seoul. Als das nordkoreanische Militär am Dienstag eine Mittelstreckenrakete in Richtung Japanisches Meer abfeuerte, wurden nur wenige Kilometer südlich die Bewohner der Metropolregion Seoul auf ihrer morgendlichen U-Bahn-Fahrt ins Büro an das ständig kreisende Damoklesschwert namens Kim-Regime erinnert. Boulevardzeitungen weltweit titelten wenig später mit furchteinflößenden Überschriften, die streckenweise an die Rhetorik des Kalten Kriegs erinnerten. Dem Weißen Haus verschlug der heuer bereits vierte nordkoreanische Raketentest gar die Sprache: Man habe dazu nichts mehr zu sagen, verkündete Außenminister Rex Tillerson.

Ausgerechnet mitten in Pjöngjang, im imposanten Kim-Il-sung-Stadion mit über 50.000 Sitzplätzen, herrschte jedoch die absolute Stille eines Orkanauges: Das südkoreanische Frauenfußball-Nationalteam absolvierte hier wie geplant seine erste Trainingseinheit für die anstehenden Qualifikationsspiele der Asienmeisterschaft. Neben Indien und Usbekistan werden sie schließlich auf die Gastgeberinnen aus Nordkorea treffen, die als Zehnte in der Fifa-Rangliste die haushohen Favoriten sind.


Wenn Sportkommentatoren Derbys aufgrund ihrer Brisanz verbal hochjazzen, dann sind im schlimmsten Fall Zusammenstöße streitfreudiger Ultragruppen oder hitzige Stammtischdiskussionen im Beisl zu befürchten. Treffen jedoch die Teams aus Nord- und Südkorea aufeinander, steht weitaus mehr auf dem Spiel als sportliche Rivalität: Demokratie gegen stalinistische Diktatur, Kapitalismus gegen Planwirtschaft, doch letztlich kämpft ein und dasselbe Volk um den Sieg.

Auch im südkoreanischen Gangneung wird gerade ein solches Derby ausgetragen. In der für die kommenden Olympischen Winterspiele gebauten Eisarena bereiten sich die Eishockeyspielerinnen aus Nordkorea auf das WM-Turnier der Division II A vor. Das Sportliche steht bisher jedoch im Hintergrund: Mit Detailblick berichten die südkoreanischen Medien von den jungen Athletinnen in ihren blau-roten Trainingsanzügen, die vergnügt am Strand spazieren oder genüsslich an Cola-Dosen nippen.

Eishockey-Derby der Hoffnung
Am Sonntag mischte sich das medienscheue Team aus Nordkorea schließlich in die Zuschauerränge, um den Gastgeberinnen beim Spiel gegen Slowenien zuzuschauen. Nach dem Match zogen sie vor die südkoreanische Fankurve und verbeugten sich tief. Am Donnerstag jedoch werden die beiden Koreas zu Rivalen. Dann treten sie nämlich in einem alles entscheidenden Derby aufeinander. "Auch wenn es sportlich nur ein einfaches Spiel ist, symbolisiert es für viele Koreaner auf beiden Seiten der Grenze einen Hoffnungsschimmer für die angeschlagenen Beziehungen", sagt der Kanadier Michael P. Spavor. Der 41-Jährige hat mit seiner Reiseagentur "Paektu Chultural Exchange" bereits ein Eishockeyturnier mit ausländischen Besuchern in Pjöngjang organisiert. Sein größter medialer Coup gelang ihm 2013, als er die exzentrische Basketball-Legende Dennis Rodman nach Pjöngjang lotste. Dieser habe sich mit dem Diktator und ausgesprochenen NBA-Fan Kim Jong-un sichtlich gut verstanden. "Sport ist ein geeignetes Mittel, um Stress und Spannungen abzubauen - dasselbe Prinzip kann auch zwischen zwei Staaten funktionieren", sagt Spavor. Seine These wird durch einen Blick ins Archiv gestützt: Bereits 1966 während der Fußball-WM in England schossen die Fußballer aus Nordkorea während der Vorrunde die italienische Nationalmannschaft aus dem Turnier. Dass sie als absolute Underdogs das Viertelfinale erreichten, sorgte auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs für diplomatischen Zündstoff. Die britischen Fans jedoch schlossen die exotischen Kicker aus Fernost mit Begeisterung in ihre Herzen. Bei den Olympischen Spielen in Rio schließlich sorgte ein Handy-Schnappschuss für den wohl emotionalsten Moment: Die südkoreanische Turnerin Lee Eun-ju schoss ein Selfie gemeinsam mit der Nordkoreanerin Hong Un-jong. Das Foto ging durch die sozialen Medien, wo es als Symbol für Völkerverständigung gedeutet wurde. "Genau deshalb machen wir Olympia", twitterte damals der britische Politologe Ian Bremmer.

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Dokument erstellt am 2017-04-05 16:36:05
Letzte ─nderung am 2017-04-05 17:09:00



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