• vom 18.05.2017, 06:30 Uhr

Mehr Sport

Update: 18.05.2017, 08:58 Uhr

Iran

Geballte Faust gegen Repressionen




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Arian Faal

  • Kampfsportarten erfreuen sich bei Irans Frauen immer größerer Beliebtheit. Der Zweck: Selbstschutz.

Immer mehr iranische Frauen ziehen sich Boxhandschuhe an. - © APAweb/APA, Barbara Gindl

Immer mehr iranische Frauen ziehen sich Boxhandschuhe an. © APAweb/APA, Barbara Gindl

Teheran/Wien. Konzentration. Alles ausblenden. Durchatmen und die Kräfte bündeln. Der Ring wartet. "Es ist nicht nur ein gewöhnlicher Boxring für mich, es ist das Quadrat der Macht, das Quadrat der Freiheit", sagt Elahe Azizi und richtet sich ihre Kleidung zurecht: Kopftuch, Sportoutfit, Turnschuhe und zwei große Boxhandschuhe. Die 26-jährige Chemiestudentin aus dem Teheraner Nobelstadtteil Jordan kommt dreimal wöchentlich in einen abgelegenen Keller nach Teheranpars im Osten der Stadt, um - wie sie sagt - "ihre seelischen Batterien aufzutanken".

"Wir wollen nicht
mehr alles schlucken"

"Wir boxen hier nicht aus Freude an der Gewalt oder aus Langeweile, wir boxen nur aus einem Grund: Wir wollen nicht mehr alles schlucken und über uns ergehen lassen müssen", stellt sie mit einer Handbewegung unmissverständlich klar. Mit ,wir‘ meint Azizi 18 junge Frauen im Alter von 16 bis 28 Jahren, die hier in diesem Privatclub trainieren. Dann holt sie noch einmal tief Luft. Ihre Stimme zittert, als sie wieder zu sprechen beginnt.

Werbung

"Niemals werde ich jenen regnerischen Samstagnachmittag im vergangenen Herbst vergessen, als mich zwei junge Männer mit Motorrädern in einer kleinen Seitenstraße unweit meiner Wohnung abfingen und mich in die Enge drängten", erzählt sie. "Es war klar, dass sie Sex wollten, denn sie fingen sofort an, mich zu begrapschen", so Azizi weiter. "Gott erhörte meine Gebete, und genau in dem Moment, als die beiden anfingen, mir an die Brust zu greifen, kam zufällig ein Bassijauto (die Bassij sind paramilitärische Einheiten im Iran, Anm.) und rettete mich und meine Ehre", sagt die junge Frau.

Ab dem Moment war für Elahe Azizi klar, dass sie sich im Leben nie wieder von Männern unterdrücken lassen wollte. "In einem Land wie dem Iran, wo es über 60 Prozent Frauen gibt, diese aber im Verhältnis zu den Männern nicht einmal 10 Prozent der Rechte haben, muss man sich anders wehren", erklärt sie selbstbewusst. Dann habe sie ihre Freundinnen gepackt und den Boxclub gefunden. Seither fürchtet sie keine Männer mehr. Nachsatz: "Inspiriert hat uns außerdem das strahlende Gesicht von Kimia".

Kimia steht für die Taekwondoka Kimia Alizadeh Senurin, die es 2016 in Rio als erste Perserin im Kampfsport aufs olympische Podium schaffte und dafür sogar Glückwünsche vom Präsidenten erhielt. Ihr Erfolg, immerhin der dritte Platz, war ein Meilenstein für die iranischen Frauen, kann aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die jungen Frauen im Iran noch einen langen Weg bis zur Gleichstellung vor sich haben. "Diese Medaille ist für alle iranischen Mädchen. Ich möchte sie ihnen widmen. Und ich hoffe, dass mir viele Mädchen folgen werden", hatte Alizadeh damals über die Marschrichtung gesagt. Nun ist sie ein Sinnbild dafür, dass es funktioniert. Man kann es schaffen, man kann gegen die Männer reüssieren. Wie Alizadeh. Sie ist ein 18 Jahre altes Idol.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Iran, Frauenrechte, Boxen, Kampfsport

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-17 17:36:06
Letzte ─nderung am 2017-05-18 08:58:15



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Österreich holt Remis gegen Frankreich
  2. Froome holt vierten Tour-Sieg
  3. Arnautovic unterzeichnet bei West Ham
  4. LASK demontierte Admira 3:0
  5. 0:3-Fehlstart der Austria gegen Altach
Meistkommentiert
  1. Österreich holt Remis gegen Frankreich
  2. Österreich gewinnt 1:0 gegen die Schweiz

Werbung



Werbung



Werbung