• vom 20.09.2017, 19:00 Uhr

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Sport und Gesellschaft

Rufe nach Prävention werden lauter




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  • Ein EU-Projekt widmet sich dem Thema sexualisierte Gewalt im Sport - doch noch ist viel Aufklärungsarbeit nötig.

Wien. (art) Peter Seisenbacher ist wegen sexuellen Missbrauchs von Unmündigen angeklagt, Verhandlungen über die Auslieferung aus der Ukraine laufen. Ein Volleyball-Trainer steht in Verdacht, mehrere Übergriffe begangen zu haben. Hunderte Ex-Fußballer haben sich zuletzt in England mit Berichten über Missbrauch in Nachwuchszentren zu Wort gemeldet, die teils schon Jahrzehnte zurückliegen: Die Nachrichten der vergangenen Monate im in- und ausländischen Sport haben schockiert, verstört, wachgerüttelt - und damit ein Schlaglicht auf ein Thema geworfen, das bisher meist im Verborgenen blieb. Einzelne bisherige Initiativen betonen zwar allesamt den Wert von Sportvereinen sowie die gute und engagierte Arbeit, die dort meist von Ehrenamtlichen geleistet wird, dennoch fordern sie mehr Prävention und Aufklärung.Die forensische Psychologin Chris Karl etwa, die mit ihrem Verein Kimi in Salzburg aktiv ist, verlangt klare Spieler-Trainer-Regeln, die etwa auch das Sechsaugen-Prinzip beinhalten, sowie eine Evaluierungskommission. Aktuell werden die Rufe auch auf politischer Ebene lauter.

Denn dass der Sport keine Insel der Seligen ist, zeigen nicht nur die Fälle der jüngeren Vergangenheit, sondern auch die - wenigen - Zahlen, die zu dem Thema vorliegen: Immerhin gab im Rahmen einer deutschen Studie aus dem Vorjahr ein Drittel der befragten Athleten und Athletinnen an, zumindest einmal mit einer Form sexualisierter Gewalt konfrontiert worden zu sein, jede neunte Person berichtete von einer schwerwiegenden Gewalterfahrung. Damit ist die Gefährdung im Sport zwar nicht größer als in anderen gesellschaftlichen Bereichen, Sensibilisierung ist dennoch gerade in einem Feld, das von Vertrauen geprägt sein sollte und Körperlichkeit schon per definitionem beinhaltet, vonnöten. Österreich- oder gar EU-weit gibt es noch keine Studien, das EU-Projekt Voice, das am Mittwoch in Wien unter anderem von Rosa Diketmüller vom Zentrum für Sportwissenschaften vorgestellt wurde, soll das ändern. Zunächst werden Betroffene in acht Ländern zu ihren Erlebnissen befragt, diese in Form von Dialogforen mit Verantwortlichen im Sport diskutiert und dann die Erfahrungen genützt, um Materialien für die Prävention zu entwickeln. Partner in Österreich sind die Anlaufstelle 100 Prozent Sport sowie die Kinder- und Jugendanwaltschaft.

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Punktuell gab es freilich immer wieder Ansätze, doch noch immer ist die Scheu groß: Auf der einen Seite aufgrund der Scham und des Autoritätsverhältnisses, auf der anderen durch eine Abwehrhaltung, die manche bisher eingenommen haben. Während andere Länder schon weiter sind, hinkt Österreich noch nach, erklärt Diketmüller: Zum einen habe man Jahre an Aufklärungsarbeit verpasst, zum anderen spiele auch die Größe des Landes eine Rolle: "In einem Land, in dem im Sport jeder jeden kennt, fällt es oft noch schwerer, darüber zu reden."

Die Forderung, wonach von den Betreuern flächendeckend ein Strafregisterauszug verlangt werden müsse - neben jener, verpflichtend Vertrauenspersonen zu installieren, Fort- und Weiterbildung zu verlangen sowie einen Ehrenkodex zu implementieren, scheiterte oft an dem Argument, wonach man Ehrenamtliche nicht unter Generalverdacht stellen dürfe. Ein Satz, den Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits nicht mehr hören kann: "Überall, wo Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, muss das normal sein. Jedem, der keine schlechten Gedanken hat, wird das auch einleuchten", sagt sie - und erhält Unterstützung von Rudolf Hundstorfer, dem Chef der Bundessportorganisation: "Es ist schwierig, aber es sollte eben auch dazu gehören", sagt er. Ein Verband, der dies mittlerweile umsetzt, ist der österreichische Volleyballverband, der in den vergangenen Monaten von Verdachtsfällen gegen einen Trainer erschüttert wurde. "Wir hatten vorher schon Maßnahmen, jetzt haben wir diese verschärft", sagt Sportdirektor Gottfried Rath. Als Generalverdacht dürfe man das nicht verstehen, denn: "Es ist ja auch eine Art Selbstschutz für die unzähligen integren Betreuer."




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Dokument erstellt am 2017-09-20 17:36:03



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