• vom 03.08.2016, 07:00 Uhr

Sport

Update: 05.08.2016, 14:29 Uhr

Fußball

Luaras Traum von der Bundesliga




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Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

  • Kaum ein Land besitzt mehr Potenzial im Frauenfußball als Brasilien. Doch der riesige Schatz an Talenten bleibt ungenutzt.

Hochtalentiert und trotzdem chancenlos: Fußballerin Luara am Copacabana-Strand.

Hochtalentiert und trotzdem chancenlos: Fußballerin Luara am Copacabana-Strand.© Tobias Käufer Hochtalentiert und trotzdem chancenlos: Fußballerin Luara am Copacabana-Strand.© Tobias Käufer

Rio de Janeiro. Wenn Luara den Ball im Flug trifft, klatscht der nackte Fuß mit einem dumpfen Ton an das weiße Kunstleder. Der Seitfallzieher ist ihre Spezialität. Stundenlang lässt sie sich am Strand der Copacabana den Ball zuwerfen. Dann knallt sie die Kugel mit einer präzisen Wucht und enormen Geschwindigkeit in Richtung hölzerne Torstangen, die jedem Talentscout aus Deutschland ein begeistertes Staunen ins Gesicht zaubern würde.

Zwei-, dreimal die Woche kommt die 18-Jährige an den Strand. Dann zieht sie sich das hautenge Trikot von ihrem Lieblingsklub Flamengo über und beginnt, die Bälle ins Netz zu dreschen. Manchmal spielt sie allein, manchmal auch in einer Mannschaft. Am liebsten gegen Burschen, denn die meisten Spiele mit ihren Altersgenossinnen gewinnt Luara fast im Schlaf.


Heute, wenn Brasiliens Ex-Weltfußballerin Marta in Rio de Janeiro die Seleçao zum Eröffnungsspiel der Olympischen Spiele gegen China (Mittwoch, 21 Uhr MESZ) aufs Feld des Olympiastadions führt, wird Luara daheim irgendwo in der Favela Jacarezinho vor dem Fernseher sitzen und wieder einmal träumen. Träumen von einer einzigen Chance, ihr Können einmal professionellen Talentscouts vorführen zu dürfen. Die gibt es zwar mittlerweile auch in Brasiliens Frauenfußball, doch ähnlich wie bei den Männern zählt zu Beginn der Karriere nicht nur das Talent. Korrupte Spielerberater und Trainer verlangen schon von Jugendlichen eine Art Schutzgeld, damit ein Platz in der Startelf garantiert ist. Und die sind besonders dann begehrt, wenn Scouts aus Europa vorbeischauen, um an der Basis das eine, das vielversprechende, noch nicht entdeckte Talent zu finden.

"Am liebsten würde ich einmal nach Deutschland fliegen und dort vorspielen", sagt Luara. Und dann möchte sie die Zeit nutzen, um zu studieren. Eine fremde Sprache, vielleicht einen technischen Beruf. Soweit der Traum, die Realität sieht anderes aus. Die Türe bleibt für Luara verschlossen.

Brasiliens Verband gibt den vielen tausend Luaras im Land keine Chance, sich durch ein Talentfördersystem nach vorne zu kämpfen, sich zu beweisen und sich mit anderen zu messen. Ein nachhaltiges Jugendkonzept, das Spielerinnern und Spieler behutsam aufbaut und sie an die Jugendnationalmannschaften heranführt, gibt es nicht. Dafür gibt es ein System von privaten Fußballschulen ehemaliger Stars mit wohlklingenden Namen, die viel versprechen, aber am Ende nur an den Träumen der Kinder und Jugendlichen verdienen. Und es regiert ein kolossaler Raubbau: Jedes Jahr werden hunderte Profis ins Auslands verkauft. Die überwiegende Mehrheit in zweit- oder drittklassige Ligen bis nach Thailand. Es zählt das schnelle Geld der Spielerberater. Für zwei-, dreitausend Euro Gebühr wird schnell ein Talent ins Ausland verschleudert. Das ist auch ein Grund dafür, warum die Seleçao in den vergangenen Jahren den Anschluss an die Weltspitze verlor. Tausende Spieler einer ganzen Generation wurden ins Ausland verkauft, ihre Spur verlor sich im Nirgendwo. Brasiliens mächtiger Verband vertraute stets darauf, dass das schier unerschöpfliche Reservoir an Nachwuchsspielern schon irgendwo und irgendwie neue Talente von ganz alleine ausspuckt. Doch der Rest der Welt, vor allem die europäischen Top-Nationen, haben aufgeholt. Die Kinder aus den Favelas, die von der harten Schule des Straßenfußballs profitierten, müssen sich nun mit bestens ausgebildetem europäischem Nachwuchs aus den Leistungszentren messen. Deswegen reichen ein paar technische Tricks nicht mehr aus, um sich auf europäischem Parkett zu behaupten. Der Abstieg in die Dritt- oder Viertklassigkeit ist oft die Folge.

Luara verabschiedet sich immer weiter von ihrem Traum. Sie verteilt inzwischen Lebensläufe in den Ladenlokalen ihrer Favela, um ein paar Reais für die Familie zu verdienen. Ihr Talent bleibt unentdeckt und ungenutzt. Wie das so vieler anderer Fußball-Mädchen und Burschen in Brasilien auch.




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Dokument erstellt am 2016-08-02 15:23:05
Letzte Änderung am 2016-08-05 14:29:11




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