• vom 05.08.2017, 08:00 Uhr

Sport

Update: 05.08.2017, 08:48 Uhr

Olympia

Arena der geplatzten Träume




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Wer nun Schuld ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Das IOC, das offenbar über keinerlei funktionierende Kontrollmechanismen verfügte, um ein durch und durch korruptes politisches System zu überwachen, trägt eine ethische Verantwortung. Doch allein das IOC verantwortlich zu machen, wäre viel zu einfach. Allein der inzwischen wegen Korruption inhaftierte und zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilte Ex-Gouverneur Sergio Cabral, der wegen der Vorbereitungsphase den Bundesstaat Rio de Janeiro regierte, hat umgerechnet rund 70 Millionen Euro unterschlagen. Cabral war ein langjähriger Weggefährte der inzwischen wegen haushaltspolitischer Tricks abgesetzten Ex-Präsidenten Dilma Rousseff. Gegen Vorgänger Lula und Nachfolger Michel Temer ermittelt die Justiz wegen Korruption. Wie Aasgeier stürzte sich der brasilianische Baukonzern Odebrecht auf die Bauarbeiten für die Großevents, mästete die Politiker aller Lager mit überteuerten Rechnungen, von denen dann die Schmiergelder gezahlt wurden. Ein nationaler Untergang mit Spesenquittung.

Die Rechnung für all das bezahlen nun die Cariocas. Rios Einwohner erleben ein Comback der Gewalt. Die Drogengangs sind längst in die Viertel zurückgekehrt, aus denen sie vor WM und Olympia vertrieben wurden. Die Gründer der populären Facebook-App OTT ("Wo gibt es eine Schießerei"), die nahezu in Echtzeit vor Gewaltakten warnt, dokumentieren den täglichen Horror auf Rios Straßen: Mehr als 2200 Schießereien gab es seit Jahresbeginn. "Die Gewalt ist beängstigend", sagt App-Mitgründer Marcos Vinicius Baptista. "Es scheint, als wäre der Krieg neu ausgebrochen, die Unsicherheit zehrt an den Nerven der Menschen. Die Sorgen sind überall zu spüren."

Sicherheitskräfte streikten, erhielten zum Teil monatelang keine Gehälter, andere ließen sich von der organisierten Kriminalität einkaufen. Rio steckt in einem Teufelskreis: Weil die Gewalt nach Rio zurückkehrt, bleiben die Touristen aus. Die Hotelbranche vermeldet laut Sender R7 Umsatzeinbrüche von 30 Prozent, in den ersten vier Monaten sanken die Tourismus-Einnahmen um rund 320 Millionen Reais. Geblieben sind immerhin eine neue U-Bahn-Strecke, einige Investitionen in den Nahverkehr und eine neue Begeisterung für den Behindertensport.

Der Olympiapark im Stadtteil Barra erfüllt derweil die Erwartungen nicht. Versprochene Umbauten und Nachnutzungen bleiben aus, nur ein Bruchteil der Wohnungen im Olympischen Dorf ist verkauft. Vor kurzem präsentierte das Organisationskomitee (OK) dem IOC einen neuen Bettelbrief. Das Defizit des OK belief sich Anfang Juni nach eigenen Angaben noch auf umgerechnet rund 30 Millionen Euro. Mit anderen Worten: Das OK kann seine offenen Rechnungen nicht bezahlen. Zeitungsverkäufer Rizzeto hat da eine Idee: "Vielleicht sollten die mal bei Ex-Gouverneur Cabral nachfragen." Allein Cabral hat mehr als das Doppelte der offenen Summe in die eigene Tasche gesteckt.

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Dokument erstellt am 2017-08-04 16:39:06
Letzte nderung am 2017-08-05 08:48:41




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