• vom 28.08.2017, 16:33 Uhr

Sport


Olympische Winterspiele 2026

Schneller, höher - schneeärmer?




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Von Tamara Arthofer

  • Tirol diskutiert eine mögliche Olympia-Bewerbung für 2026, schließlich stellt der Wintersport einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor dar. Doch auch er steht vor Zukunftsherausforderungen.

Schneekanonen wie hier in Ramsau sind aus Wintersport und Landschaftsbild nicht mehr wegzudenken. - © Barbara Gindl/apa

Schneekanonen wie hier in Ramsau sind aus Wintersport und Landschaftsbild nicht mehr wegzudenken. © Barbara Gindl/apa



Wien/Innsbruck. Es soll Wintersport-Gegenden in Österreich geben, da sieht man, salopp gesagt, den Berg vor lauter Liften nicht. Wo sich früher klapprige Doppelsessel- und Schlepplifte mehr oder minder in die Landschaft fügten, transportieren nun moderne Sechserbahnen und Achtergondeln ein Vielfaches an Menschen in derselben Zeit auf die Gipfel, statt vereisten Skiern in den Warteschlangen gibt es beheizte Förderbänder, statt erfrorenen Finger- und Nasenspitzen den größtmöglichen Komfort in witterungsabweisenden Kapseln; und wenn einmal kein Schnee vom Himmel fällt, dann kommt er einfach aus den Schneekanonen, die aus dem Wintersport nicht mehr wegzudenken sind. Der Mensch hat es längst verstanden, sich den Alpenraum zunutze zu machen. Während Klima- und Umweltschützer seit vielen Jahren vor den ökologischen Folgen warnen, haben sich die Investitionen wirtschaftlich bezahlt gemacht. Wintersport-Tourismus sichert Arbeitsplätze und bringt Geld, ganze Regionen leben davon: Hotellerie, Gastronomie, Sportartikelindustrie direkt, auch an sich branchenfremde Sparten durch zahlungskräftige und -willige Gäste zumindest indirekt. Laut einer vom österreichischen Skiverband 2015 in Auftrag gegebenen Studie generiert der Wintersport in Österreich jährlich knapp 23 Milliarden Euro pro Jahr an Wertschöpfung. In der Saison 2016/17 verzeichnete man bei 18,8 Millionen Gästen rund 69 Millionen Nächtigungen.

Als größtmöglicher Werbeturbo wird vielerorts die Ausrichtung von Großveranstaltungen gesehen. Alleine das weltberühmte Kitzbühel-Wochenende mit seinen Hahnenkammrennen generiert für die Region laut Homepage Umsätze von 32 Millionen Euro binnen weniger Tage. Angesichts solcher Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass Wirtschaftstreibende und (Teile der) Politik der Idee, Olympische Winterspiele im Jahr 2026 wieder nach Österreich zu holen, zugeneigt sind - durchaus mit Argumenten, die auch an die Emotionen appellieren: Die wackeligen Bilder von Franz Klammers Husarenritt zu Gold 1976 auf dem Patscherkofel kennen heute selbst Menschen, die damals noch nicht geboren waren; und wenn Winterspiele schon in der Schwarzmeerstadt Sotschi (2014), im fernen Südkorea (2018) sowie in China (2022) buchstäblich aus dem Boden gestampft werden, warum dann nicht auch wieder einmal in einem Land, das über reichlich Infrastruktur verfügt und in dem Karl Schranz und Klammer zur nationalen Mythenbildung beigetragen, Hermann Maier und Marcel Hirscher die Stellung als Skiland Nummer eins gefestigt haben?

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Zudem sind die Chancen, dass Österreich im Falle einer Bewerbung - die Entscheidung soll nach einer Volksbefragung am 15. Oktober fallen - den Zuschlag bekommt, nicht schlecht, signalisierte doch auch das internationale olympische Komitee nach dem Experiment mit Sotschi, als explodierende Kosten und Wladimir Putins (Ukraine-)Politik für Negativschlagzeilen gesorgt hatten, sowie vor Pyeongchang 2018 Interesse, die Spiele wieder an ein Kernland zu vergeben.

Denn der Gigantismus, den (über)ehrgeizige Ausrichterländer Hand in Hand mit dem IOC und getreu dessen Motto "Schneller, Höher, Stärker" zur Befriedigung eigener Interessen vorangetrieben haben, soll passé, Nachhaltigkeit das neue Schlagwort sein. Innsbruck könnte die Spiele laut einer vom Land in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie vergleichsweise billig haben, Infrastruktur ist im Großen und Ganzen vorhanden, und mittels länderübergreifender Kooperationen könnten Synergien genützt werden. Und doch ruft die Idee Kritiker auf den Plan, die mit mehr Argumenten kommen als dem üblichen "Hatt’ ma schon, brauch’ ma net"; die angesichts der Tatsache, dass Olympische Spiele bisher stets teurer wurden als budgetiert, den angegebenen Zahlen ebenso wenig Glauben schenken wie den Nachhaltigkeitsversprechen und die generell die Frage stellen, inwiefern in Zeiten des Klimawandels Investitionen in den klassischen Wintersport überhaupt sinnvoll sind. Zwar sind die Zahlen nach wie vor steigend, doch im Rahmen der Klimawandelanpassungsstrategie wird empfohlen, sich auf schneeärmere Winter vor allem in tieferen und mittleren Regionen einzustellen, mehr auf Ganzjahres- und alternative Angebote zu setzen. Olympia in Tirol sei ein Signal für den Winter, sagte der grüne Innsbrucker Bürgermeisterkandidat Georg Willi unlängst zur "Tiroler Tageszeitung", weswegen die Stadtpartei der Bevölkerung auch - entgegen der Landespartei, die sich nicht deklarieren will - ein Nein empfehlen werde. Angesichts des Klimawandels müsse vielmehr der Sommertourismus intensiviert werden, betont Willi. Denn der Wintersport-Tourismus hat Österreich geprägt und verändert - nun steht er aber selbst vor einem Wandel.




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Dokument erstellt am 2017-08-28 16:39:06




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