• vom 28.01.2016, 16:51 Uhr

Ski

Update: 24.03.2016, 15:51 Uhr

Olympia 2018

Symbolische Spiele




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Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Die Winterspiele 2018 in Pyeongchang sollen auch eine sportdiplomatische Annäherung der beiden Koreas bringen. Noch ist aber schwer vorstellbar, dass in der weitgehend unberührten Natur bald auch der Ski-Weltcup gastiert.

Pyeongchang. Wer die Bedeutung der Olympischen Winterspiele für seine Gastgeber begreifen möchte, muss die Geschichte von Daniel Olomae Ole Sapit kennen: Der 42-jährige Kenianer, Vertreter eines nomadischen Masai-Stammes, wurde im Herbst 2014 zu einer Konferenz über Artenvielfalt nach Pyeongchang geladen. Als Sapit das Flugzeug verließ, ahnte er noch nicht, im falschen Korea gelandet zu sein. "Pyeongchang oder Pyongyang (deutsch romanisiert: Pjöngjang) - wie kann man als Afrikaner den Unterschied erkennen?", sagte er als Versuch einer Erklärung zu den nordkoreanischen Beamten.

Wo nun Schneekanonen pulvern, befand sich einst einer der ältesten Wälder der Halbinsel.

Wo nun Schneekanonen pulvern, befand sich einst einer der ältesten Wälder der Halbinsel.© Kretschmer Wo nun Schneekanonen pulvern, befand sich einst einer der ältesten Wälder der Halbinsel.© Kretschmer

Auch die Einheimischen kannten die abgelegene Region im Taebaek-Gebirge bisher vornehmlich nur für eine Tatsache: dass sie sich bereits vergeblich um die Spiele 2010 und 2014 bemüht hat. Die Olympischen Spiele entwickelten sich jedoch schon bald zur nationalen Idee. Nicht zuletzt galt es, mit dem Erzrivalen Japan gleichzuziehen. Der benachbarte Inselstaat, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die koreanische Halbinsel kolonialisiert hat, bleibt bis dato einziger Austragungsort von Winterspielen in Asien. Zudem zieht Südkorea sein nationales Selbstbewusstsein zu einem erheblichen Anteil aus großen Sportereignissen: Während der Sommerspiele in Seoul 1988 konnte sich der wirtschaftlich aufstrebende, auf dem Weg zur Demokratie befindende Tigerstaat erstmals auf der Weltbühne präsentieren. 2002 trug Südkorea gemeinsam mit Japan die Fußballweltmeisterschaft aus. Mit Pyeongchang 2018 soll schließlich ein weiterer Höhepunkt erfolgen.

Dementsprechend euphorisch zeigte sich das Land, als der dritte Bewerbungsanlauf endlich glückte - wenn auch auf Grundlage eines falschen Versprechens: Ein angekündigter Hochgeschwindigkeitszug, der den Austragungsort in nur 68 Minuten mit der Hauptstadt Seoul verbinden sollte, war laut Medienberichten niemals wirklich geplant. Der Bus braucht immerhin gut drei Stunden, bis er den Landstrich kurz vor der koreanischen Ostküste erreicht. Dicht bewaldete, enge Bergzüge geben den Blick frei auf einen strahlend blauen Himmel. Noch ist schwer vorzustellen, dass in dieser weitgehend unberührten Natur bereits am 6. Februar der Ski-Weltcup halt machen wird.

Die Strecke ist kurz,
aber anspruchsvoll

Die Jeongseon-Strecke sticht als weißer Streifen aus dem ockerfarbenen Braun der Berglandschaft heraus. Obwohl ganz Ostasien dieser Tage von rekordverdächtigen Minustemperaturen heimgesucht wird, stammt der Schnee ausschließlich aus den Kanonen. Die Strecke, designt vom Ski-Veteranen Bernhard Russi, ist mit einer Länge von 2650 Metern vergleichsweise kurz geraten, doch technisch überaus anspruchsvoll. Mit ihrer Dichte an Sprüngen und Steilhängen wird die Piste für den einen oder anderen Athleten sicher zum Alptraum werden, für den Fernsehzuschauer jedoch mit Sicherheit ein Augenschmaus. "Der Kurs kann locker mit den besten der Welt mithalten", sagt Günter Hujara, der für die FIS als technischer Experte vor Ort ist. Sein koreanischer Kollege vom Organisationskommittee, Cho Yang-ho, spricht von einem "kleinen Wunder", dass die Bauarbeiten für die Strecke noch rechtzeitig fertig geworden sind. Die lokalen Umweltschützer bezeichnen diesen Umstand viel mehr als ökologisches Desaster. Wo nun die Schneekanonen pulvern, befand sich einst einer der ältesten Wälder der koreanischen Halbinsel. Bereits im 15. Jahrhundert wurde hier für den Kaiser Ginseng angepflanzt. 2008 wurde die Gegend als Naturschutzgebiet designiert. Fünf Jahre später hob die Regierung die Bestimmung wieder auf. Letztlich blieb den Organisatoren jedoch kaum eine andere Wahl: Kein anderer Berghang wäre hoch und steil genug gewesen, um die olympischen Anforderungen zu erfüllen. Um die Rodungen zu minimieren, wurde erstmals in der Geschichte der Kurs der Männer und Frauen zusammengelegt. "Skipisten fliegen nun mal nicht vom Himmel. Leider hatten wir keine andere Strecke zur Verfügung, auf die wir hätten zurückgreifen können", sagt der koreanische Minister für Sport, Kultur und Tourismus, Kim Jong-deok.

Emotional dem Norden näher als anderswo

Wenn es nach der Lokalregierung geht, werden die Spiele in Pyeongchang ohnehin über das Sportliche hinausreichen: Symbolische "Friedensspiele" sind geplant, eine sportdiplomatische Annäherung an den nördlichen Nachbarn. So sollen die Teams der beiden Koreas während der Eröffnungszeremonie gemeinsam einlaufen und sogar im Vorfeld dieselbe Trainingsstätte in Nordkorea benutzen.

Trotz strenger Sanktionen konnte der sportbegeisterte Diktator Kim Jong-un Ende 2013 das Skiressort Masikryong eröffnen. Dafür wurde ihm auch - unfreiwillige - Hilfe aus Österreich zuteil: Aufgrund eines Importverbots musste das Regime auf alte, bereits in den 90er Jahren gelieferte Doppelmayr-Lifte zurückgreifen. Kim Jong-un ließ kurzerhand die komplette Liftanlage vom Vulkanberg Paektusan an der chinesischen Grenze abreißen und an seinem Skiressort wieder aufbauen.

Kaum 80 Kilometer ist die innerkoreanische Grenze von Pyeongchang entfernt, doch auch emotional ist die Bindung zum Norden größer als in anderen Teilen Südkoreas. Das hat vor allem mit der jüngeren Vergangenheit der Region zu tun: Das Gros der Bewohner vom Taebaek-Gebirge sind einstige Kriegsflüchtlinge, die sich in den Bergen niederließen, um ihrer einstigen Heimat möglichst nah zu sein. Nur mehr wenige von ihnen sind noch am Leben, die sich an ein geeintes Land erinnern können. Für sie symbolisieren die Olympischen Spiele viel mehr als nur die Jagd nach Goldmedaillen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-28 16:56:04
Letzte ─nderung am 2016-03-24 15:51:33



Ski-WM in St. Moritz

Medaillenspiegel

Nation G S B Gesamt
1. Österreich 3 4 2 9
2. Schweiz 3 2 2 7
3. Frankreich 2 0 0 2
4. Kanada 1 1 1 3
4. USA 1 1 1 3
6. Slowenien 1 0 0 1
7. Norwegen 0 1 1 2
8. Liechtenstein 0 1 0 1
8. Slowakei 0 1 0 1
10. Schweden 0 0 2 2
11. Deutschland 0 0 1 1
11. Italien 0 0 1 1


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