• vom 07.02.2014, 17:04 Uhr

Sport & Wirtschaft


Olympia

Geld und Spiele




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Von Tamara Arthofer

  • Komplette Infrastruktur neu, mutmaßliche Korruption bei Projektvergaben
  • Wie aus neun Milliarden plötzlich
  • 37 Milliarden werden konnten.



Sotschi. Olympiade? "Korrumpiade!" Boris Nemzow hat sich seine Meinung über diese Olympischen Spiele längst gebildet. Gut, dass er kein gutes Haar an Wladimir Putins Prestigespielen lässt, kommt jetzt nicht allzu überraschend, der frühere Vize-Ministerpräsident ist schließlich einer der härtesten Gegner des russischen Präsidenten. Doch mit seiner Einschätzung steht der Oppositionspolitiker nicht alleine da. In den vergangenen Jahren sind mindestens 37 Milliarden Euro in das Projekt geflossen - die Gesamtkosten werden geheim gehalten, könnten sich aber angesichts der noch nicht gänzlich fertiggestellten Infrastruktur im Umland laut Schätzungen sogar auf bis zu 60 Milliarden belaufen. Dabei ist schon die offizielle Zahl fünf Mal so hoch wie bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver, das im Übrigen nach wie vor unter den Ausgaben leidet, zehn Mal so viel wie 2006 in Turin und sogar das Zweieinhalbfache der Kosten für die Olympischen Spiele 2012 in London. Sommerspiele, wohlgemerkt.

Sommer und Sotschi - das hätte vielleicht auch eher zusammengepasst. Schließlich liegt der Badeort an der Schwarzmeerküste auf dem selben Breitengrad wie Nizza, im Sommer kann es bis zu 30 Grad Celsius bekommen, die Durchschnittstemperaturen im Winter liegen zwischen 3 und 9 Grad. Und in der Bergregion, in der die Skibewerbe stattfinden, hat bis vor kurzem ein einziger Skilift ein recht einsames Dasein gefristet. Doch Putin hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, aus Sotschi ein Ganzjahres-Sport- und Überhaupt-Dorado zu machen, und dafür wurde kräftig investiert: Alle Wettbewerbsstätten mussten, nebenbei angemerkt unter grober Missachtung von Naturschutz, aus dem Boden gestampft werden, 42 Hotelkomplexe errichtet, Straßen verlegt und Verkehrsinfrastruktur geschaffen werden. Dass das alles Geld kosten würde, war schon zu Beginn des Projekts klar - wie viel offenbar nicht. Bei der Bewerbung 2005 kalkulierte man noch mit neun Milliarden Euro, im Schreiben an das internationale Komitee war sogar die Rede davon, mit einer Wahl zugunsten Sotschis könnte man ein Zeichen in Richtung olympischer Kostenbremse setzen. Sätze, die nun wie Hohn klingen.


"Gigantismus frisst Spiele"
Massive Bauverzögerungen machten finanzielle Nachbesserungen nötig, und dass dabei auch Schmiergeld geflossen ist, ist unter den Kritikern Konsens. Nemzow geht von rund 22 Milliarden aus, Alexej Nawalny, ein weiterer prominenter Kreml-Kritiker, beklagt mangelnde Transparenz und meint über diese Spiele: "An ihnen haben Beamte und Geschäftsleute teilgenommen, die Olympia als eine Quelle der Bereicherung verwendet haben." Das glauben mittlerweile auch ranghohe internationale Sportfunktionäre; am deutlichsten meldete sich Skiverbandspräsident Gian-Franco Kasper zu Wort: Seiner Meinung nach sei ein Drittel des Olympia-Budgets versickert, meinte er im Schweizer Fernsehen und fügte hinzu: "Der Gigantismus frisst unsere Spiele." Die Entwicklung zum Höher, Schneller, Teurer sei ein fatales Signal für künftige Bewerbungen, glaubt der Schweizer - denn: "Die Leute sagen: Seht her, das kostet Milliarden, das ist ein Loch, das nicht mehr zugeht." Die ablehnenden Bürgervoten in Wien und München geben dem Schweizer recht.

Weitere Investitionen
Und trotz des Nationalstolzes, der durch die kritische Auslandsberichterstattung zusätzlich befeuert wurde, regt sich auch in Russland Skepsis, ob sich die Investitionen lohnen. Schließlich wurde der Großteil des Budgets nicht wie ursprünglich angekündigt von privaten Investoren gestemmt, sondern vom Staat beziehungsweise staatlichen Unternehmen. Dass das Land, das an einer schwachen Konjunktur leidet und seine Wachstumsprognosen kürzlich herunterschrauben musste, mittelfristig profitieren würde, bezweifelt indessen auch die US-Ratingagentur Moody’s.

Putin selbst macht sich keine Sorgen, weist Vorwürfe, wonach ihm nahestehende Geschäftsleute Geld eingestreift hätten, unwirsch, aber routiniert von sich - und lässt weiter bauen. Im Oktober wird eine 110 bis 160 Millionen Euro teure Formel-1-Strecke in Sotschi eingeweiht, für die Fußball-WM 2018 werden elf Stadien neu oder ausgebaut, eines davon in der Olympiastadt. Geplantes Gesamtbudget für die WM: 15 Milliarden Euro. Aber auch das kann sich ja noch ändern.




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Dokument erstellt am 2014-02-07 17:08:05



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