Straßburg. Das ambivalente Verhältnis, das Sport und Politik zueinander pflegen, zeigt sich derzeit wieder in konzentrierter Form im Fußball. Auf der einen Seite die Uefa, der europäische Verband, der monatelang in Brüssel lobbyierte, um die Installierung der Finanzregeln für Fußballklubs (Financial Fairplay) auf juristisch stabile Beine zu stellen, auf der anderen Seite der Weltverband Fifa, der sich bei den Aufräumarbeiten der vielen Skandale jegliche staatliche oder interstaatliche Einmischung verbittet.

Erst vor wenigen Wochen hatte es die Uefa geschafft, die EU zu überzeugen. Die Kommission verlieh den ab der kommenden Saison gültigen Finanzregeln ihr Gütesiegel, sie seien EU-rechtskonform, stellte die Kommission fest, weshalb es Klubs, die von der Uefa Sanktionen auferlegt bekommen, schwer haben werden, gerichtlich gegen diese vorzugehen. Auch beim Kampf gegen Wettbetrug bemüht sich die Uefa um Unterstützung auf politischer Ebene.
Auch die Fifa, die sich dank der gefühlten Wichtigkeit ihres Präsidenten Sepp Blatter gerne als eine Art virtueller Staat und also gleichberechtigter Mitspieler auf dem politischen Parkett fühlt, wird in regelmäßigen Abständen bei der internationalen Politik vorstellig. Bei jeder Weltmeisterschaft verlangt die Fifa von den Ausrichterländern eigene Gesetze, um die Exklusivitätsrechte ihrer Sponsoren abzusichern. In Brasilien, wo 2014 die Fußball-WM gastiert, hat das Rahmengesetz für heftige Diskussionen gesorgt, da die Fifa etwa die Aufhebung des landesweit gültigen Alkoholverbots in Fußballstadien verlangte.
Doch in interne Angelegenheiten lässt sich die Fifa von außen nicht hineinreden. Das ist sogar in ihren Statuten festgeschrieben. Historisch gesehenist das freilich gut begründet, schließlich wurde der Sport immer wieder von diversen Regimes missbraucht. Wann immer in die nationalen Verbände von politischer Seite hineinregiert wird, folgt die sofortige Suspendierung des Verbandes von der Fifa. Doch in Korruptionsfällen ist die Selbstreinigungskraft der Fifa endenwollend, und das ist das Problem. Als die jüngsten Fälle publik wurden, lautete die offizielle Sprachregelung, dass man diese Probleme "innerhalb der Familie" lösen werde. Doch dann passierte wenig, auf echte Untersuchungen wartet die Fußballwelt bis heute.
Am Mittwoch hat der in Straßburg sitzende Europarat diese ein weiteres Mal eingefordert. Die Parlamentarische Versammlung beschloss, von der Fifa eine Aufarbeitung der Skandale, eine Untersuchung der Wahl Blatters und die Einsicht in die Unterlagen der Bestechungsaffäre um den Sportvermarkter ISL zu verlangen. Der Europarat hat freilich keine Sanktionsgewalt, er ist ein internationales Diskussionsforum. Doch immerhin hat nach dem englischen nun ein weiteres Parlament die Fifa-Skandale zur Agenda erklärt.
System der Schmiergelder
"Wir haben keine Autorität, Forderungen zu stellen. Aber wir können Aufmerksamkeit schaffen", sagt der französische Abgeordnete Francois Rochebloine, der für den Europarat einen Bericht zur Fifa erarbeitete. Rochebloine hatte Thomas Hildbrand zur Anhörung vor den Europarat gebeten, der vor mehr als zehn Jahren als Sonderermittler die ISL-Affäre untersuchte. Mehr als 140 Millionen Franken (116 Millionen Euro) sind zwischen 1989 und 1998 als Schmiergelder in die Taschen von Sportfunktionären geflossen.
Gegen Zahlung von 4,5 Millionen Euro, die zu einem wesentlichen Teil von der Fifa selbst beglichen wurde, stellten die Behörden im Jahr 2004 das Verfahren gegen hohe Funktionäre ein. Wer aller auf der Liste der Schmiergeldempfänger stand, könnte in der Einstellungsverfügung des Gerichts zu lesen sein. Doch diese hält die Fifa unter Verschluss.
Hildbrand schilderte dem Europarat, wie das Schmiergeldsystem der Fifa funktionierte, aus rechtlichen Gründen nannte er aber keine Namen. "Zwei waren führende Funktionäre der Fifa, einer ist es immer noch." Der Schweizer stellte die Schmiergeldzahlungen als ein über Jahre gelebtes System dar. Was also wusste Blatter, der seit 1981 Generalsekretär war und seit 1998 Präsident ist?
Dass Blatter von den Usancen nichts wusste, sei "schwer vorstellbar", sagt Rochebloine, der am 25. Mai, wenn in Budapest der Fifa-Kongress stattfindet, weitere Schritte in Richtung Transparenz und Aufarbeitung sehen will. "Zu sagen, lasst uns alleine, geht nicht. So liegen die Dinge nicht", sagt Rochebloine.