Wien. (apa/art) Der Vater sei böse gewesen. Was das mit den Malversationen beim österreichischen Olympischen Komitee zu tun hat, deretwegen Heinz Jungwirth seit Montag auf der Anklagebank sitzt, erschloss sich den Zuhörern zwar nicht ganz, doch offenbar legte der langjährige Generalsekretär Wert auf die Darstellung, wonach das ÖOC ihm eine Herzensangelegenheit gewesen ist. Als er seine Lehrerkarriere zugunsten des ÖOC aufgab, habe sein Vater erklärt: "Ich hab dich was lernen lassen, und du gehst zu diesem windigen Verein", erzählte der mittlerweile 60-Jährige am ersten Prozesstag.

Der "windige Verein", das war viele Jahre lang Jungwirth selbst. Seit 1982 war er als Generalsekretär tätig und hat die Geschäfte praktisch im Alleingang geführt. Als Malversationen rund um die gescheiterte Salzburger Olympia-Bewerbung für 2014 ans Licht kamen, war der Hauptbeschuldigte daher auch schnell ausgemacht. Die Anklage geht nach den Ermittlungen davon aus, dass Jungwirth das ÖOC im Zeitraum zwischen Anfang 2003 und Februar 2009, als er nach Aufkommen der dubiosen Geldflüsse aus dem ÖOC schied, um insgesamt 3,5 Millionen Euro geschädigt hat, indem er beispielsweise Geld an der offiziellen Buchhaltung auf ein Konto schleuste, das er für "private Zwecke" und Aufrechterhaltung eines luxuriösen Lebensstils samt hauseigenem Reitstall benutzt haben soll. Außerdem wurden etliche Barbehebungen und Überweisungen festgestellt, für die das ÖOC keine Leistung erhalten habe.
"Er hat seine Befugnisse wissentlich missbraucht", erklärte Staatsanwalt Andreas Allex in seinem Eröffnungsplädoyer und warf Jungwirth "geplantes und gezieltes kriminelles Handeln" vor. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm wegen Untreue bis zu zehn Jahre Haft.
Der Angeklagte, der wie erwartet auf "nicht schuldig" plädierte, kommentierte sämtliche Vorwürfe mit demonstrativem Kopfschütteln. Laut seinem Verteidiger Herbert Eichenseder sei ihm das Geld, das er durch Barbehebungen und Überweisungen bekommen hat, als Honorar zugestanden. Differenzbeträge habe er stets zurückerstattet. Das Verfahren, das vorerst auf drei Tage anberaumt ist, werde dies beweisen, erklärte der Anwalt und sagte einen "faden Buchhalterprozess" voraus.
Jungwirth sei "für alles zuständig" gewesen und dementsprechend entlohnt worden. Das Geld sei allerdings unregelmäßig verrechnet worden. Jungwirth räumte immerhin ein, dass die finanzielle Abwicklung nicht statutengemäß vonstatten ging. Laut Satzung wären dafür der Präsident sowie einer der beiden Kassiere zuständig gewesen, in der Praxis bereitete er selbst die Überweisungen vor und ließ diese nur von einem zweiten Zeichnungsberechtigten unterschreiben.
"Kein Mensch hat gesagt, was etwas kosten darf"
Dies war in den meisten Fällen seine langjährige Stellvertreterin Manuela K. gewesen, die sich deswegen als Mittäterin ebenso vor Gericht verantworten muss. Sie soll sich allerdings im Gegensatz zu ihrem ehemaligen Chef nicht persönlich bereichert haben.
Diese Vorgänge sowie die Eröffnung eines Schwarzgeldkontos seien laut Jungwirth allen bewusst gewesen, "das hat der Präsident so verfügt", erklärte er. Überhaupt habe Ex-ÖOC-Chef Leo Wallner, der am Dienstag als Zeuge geladen ist und gegen den separat ermittelt wird, ihm in finanziellen Fragen stets freie Hand gelassen. Wenn es etwa um die Errichtung eines Österreicher-Hauses bei Olympischen Spielen ging und er nach dem budgetären Rahmen gefragt habe, sei die Antwort gewesen: "Was fragst mich? Gut muss es sein", erklärte Jungwirth. "Kein Mensch hat je gesagt, was etwas kosten darf."
Nachlese:
Verschwundene Millionen