Wien. Anna ist Sportlerin, Spitzensportlerin, und sie träumte von einer Medaille bei Olympischen Spielen. Ihr Trainer sagte immer, sie kann dieses Ziel erreichen, weil sich ihr großes Talent mit Fleiß paart. Das ist gar nicht einmal so oft der Fall. Doch Anna weiß auch, dass Talent und Fleiß alleine nicht reichen. Diese beiden Eigenschaften müssen eingebettet werden in Rahmenbedingungen, die jahrelanges professionelles Training ermöglichen, und genau diese Rahmenbedingungen sind teuer. Und da Anna keine Tennisspielerin ist, sondern eine Randsportart betreibt, kann ihr der Sport alleine diese Voraussetzungen nicht finanzieren. Sie ist auf Förderungen angewiesen.
Anna ist nur ein Beispiel, sie ist keine reale Sportlerin, keine, die in London eine von den 70 österreichischen Athleten und Athletinnen war. Aber in gewisser Weise gibt es Anna und ihre Trainer tatsächlich, und zwar in Person diverser Sportler und Betreuer verschiedener Sportarten, deren Erzählungen - anonymisiert - zu Annas Geschichte werden.

Annas Karriere lässt sich in drei Phasen teilen. In der ersten Phase war der Sport einfach Spaß an der Bewegung, in der zweiten wurde aus dem Spaß langsam Ernst. Sie war noch ein halbes Kind, trainierte aber schon täglich, nahm an Wettkämpfen teil und hatte Ziele. Nun ist Anna in der dritten Phase ihrer Karriere. Sie ist in Österreich die beste und ist durch und durch Profisportlerin. Und deshalb lauscht sie jetzt den Diskussionen um die anstehende Reform der Sportförderungen. Denn obwohl sie schon lange Sportlerin, sieht sie sich nach wie vor nicht heraus. Doch ihre Geschichte erzählt das ohnehin.
Mit dem Sport hat Anna schon früh begonnen, sehr früh. Ihre Mutter hatte sie zum Kinderturnen geschickt, als sie drei Jahre alt war. Im Kindergarten hat es keinen Sport gegeben. Eine Frage der Haftung, falls etwas passiert, hat man ihrer Mutter erklärt. Deshalb turnte Anna eben in einem Verein, das war auch nicht teuer, da die Gemeinde dem Verein einen Turnsaal günstig zur Verfügung stellte.
Keine Trainer
Echte Trainer hat sich der Verein aber nicht leisten können, nur einen Vorturner, der eine kleine Aufwandsentschädigung bekommen hat. Förderungen für Trainer gibt es kaum. In den vergangenen Jahren sind aus den Fördertöpfen des Sportministeriums nur Fußballtrainer, Trainer aus dem Leistungszentrum Südstadt und Trainer aus dem Wintersport-Ausbildungszentrum Eisenerz bezahlt worden. "Würde man Trainer fördern, käme das weit mehr Sportlern zugute. Stattdessen werden Athleten einzeln gefördert", sagt Annas jetziger Trainer, der viele Jahre ehrenamtlich gearbeitet hat. "Sonst würde hier gar nichts funktionieren".
Das Kinderturnen hat Anna damals so großen Spaß bereitet, dass sie öfter kommen wollte, aber es ging eben nur einmal die Woche. Und im Sommer sperrte der Verein überhaupt zu, denn in den Schulferien und am Wochenende sind eben auch die Turnsäle zu. Deshalb hat Anna auch die Sportart und den Verein gewechselt. Vor ein paar Wochen hat sie ihre erste Betreuerin vom Turnverein wieder getroffen. "Heute", hatte diese gesagt, "heute kommen viel weniger Kinder, und du musst ihnen erst das Rennen beibringen oder wie sie auf eine Bank hinaufsteigen."
Mit acht, neun Jahren hat Anna schnell gemerkt, dass sie talentiert ist. Durch das Turntraining war sie ja auch schon recht sportlich. Doch als sie ins Gymnasium kam, war es dann zunehmend schwer, Sport und Schule zu vereinen. Die Anforderungen da wie dort sind immer weiter gestiegen.
Als Teenager kam Anna in Phase zwei ihrer Karriere. Sie trainierte teilweise zweimal pro Tag, stand um fünf Uhr früh auf, damit sie noch vor der Schule sportlen konnte. Sie nahm an Wettkämpfen teil, und im Sommer fuhr sie zu Trainingslagern. Es war die Zeit, in der sie davon zu träumen begann, einmal bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Und es war die Zeit, in der der Sport für Anna und ihre Familie auch zu einer kostspieligen Angelegenheit wurde. Die Professionalisierung der Leidenschaft kostet Geld. Die Sportausrüstung muss speziell sein, Lehrgänge mussten bezahlt werden, das konnte der Verein aus den Mitgliedsbeiträgen nicht finanzieren.
Immerhin, wenn Anna von ihrem Fachverband zu einem internationalen Bewerb geschickt wurde, zahlte man ihr diese Reise. Teilweise kam das Geld vom Veranstalter, vom internationalen Verband, manchmal erhielt der nationale Verband auch eine Förderung, um einen Physiotherapeuten mitzuschicken. Aber eben nur sehr manchmal. Einige von Annas Kollegen haben in dieser Zeit aufgehört. Vielleicht wegen der Pubertät, vielleicht, weil es sich die Eltern auch nicht leisten konnten, ihr Kind in den Ferien wochenlang auf ein Trainingslager zu schicken.
Sporthilfe erste Förderung
Anna gehörte in ihrer Sportart dem Jugendnationalteam an, und sie schaffte bei einer EM auch eine gute Platzierung. Das brachte ihr im Alter von 16 Jahren eine erste direkte Förderung durch die Sporthilfe ein. Als Nachwuchsathletin erhielt sie pro Monat 75 Euro, wäre sie bei der EM um einen Platz besser klassiert gewesen, hätte sie das Doppelte bekommen. Ein Pech. Doch sie war nicht unbedingt auf Förderungen angewiesen, sie wohnte daheim, und indirekt partizipierte sie an Subventionen durch Dienstleistungen des Verbandes und der Gemeinde. Die Eltern hatten mit einem Sportartikelhändler eine Vereinbarung abgeschlossen, Anna wirbt für ihn, dafür bekommt sie die Sportausrüstung gratis. Es war ihr erster Sponsorvertrag.