
Mogadischu/London. Bei den Olympischen Spielen 2008 war Samia Yusuf Omar ein Publikumsliebling. Zwar schied die 1991 geborene Somalierin mit einer Zeit von 32,16 Sekunden für 200 Meter in der Vorrunde aus, der Jubel der Menge war der einzigen Athletin ihres Heimatlandes dennoch sicher. Auch an den heurigen Olympischen Spielen in London wollte die mittlerweile 21-Jährige wieder teilnehmen. Dazu kam es aber nicht. Auf dem Weg zu Olympia ist sie höchstwahrscheinlich ums Leben gekommen: Das Flüchtlingsboot, mit dem sie nach Europa übersetzen wollte, erlitt Schiffbruch.
Lange Zeit war nicht sicher, ob es überhaupt eine somalische Delegation zu den Spielen im Juli geben würde, geschweige denn, ob Samia Yusuf Omar Teil dieser Delegation sein würde. Größtes Hindernis war das Geld. Doch davon wollte sich Omar nicht aufhalten lassen. Sie beschloss, auf eigene Faust nach London zu reisen, sagt ihr Trainer Mustafa Abdelaziz.
Bereits als 17-Jährige hatte sich Omar gegen den Widerstand in ihrer Heimat durchgesetzt und sich einen Olympia-Start ermöglicht. Dieses Mal sammelten ihr Trainer und die Familie Geld, um die Teilnahme zu finanzieren, sogar ein kleines Grundstück verkaufte die Mutter dafür. Wohl, weil sich Omar nicht sicher sein konnte, dass sie tatsächlich Teil der olympischen Delegation ihres Landes sein und somit auch ein Visum erhalten würde, beschloss sie, den Weg vieler fliehender Landsleute zu gehen: Mit einem Flüchtlingsboot wollte sie es von Libyen aus über Italien bis nach London schaffen. All dies bei vollem Bewusstsein, dass solch eine Reise lebensgefährlich ist.
Nun berichtet ihr Landsmann, der 1500-Meter-Weltmeister von Rom 1987, Abdi Bile, dass sie es offenbar nicht geschafft hat. Vermutlich bereits Anfang April dürfte sie im Kanal von Sizilien unweit der Küste Maltas ums Leben gekommen sein.
Keine Privilegien
Omar hat nie ein privilegiertes Sportlerleben geführt, berichtet das deutsche Magazin "Spiegel". Ihr Vater kam in Somalia durch Artilleriebeschuss ums Leben. Dennoch äußerte sie sich stets begeistert und enthusiastisch über ihre Teilnahme an den Sommerspielen. Auf der englischen Website des Somalischen Olympischen Komitees finden sich trotz Aktualität der Seite keine Einträge oder Erwähnungen über das Schicksal Omars.
Die offizielle somalische Delegation bestand aus sieben Personen, darunter zwei Athleten, ihre Trainer und der somalische Minister für Jugend und Sport. Vor dem Abflug nach London wurden sie von Premier Abdiweli Mohamed Ali in Mogadischu empfangen, der seine große Freude über Somalias Teilnahme an Olympia ausdrückte und bemerkte, unter welch schwierigen Bedingungen die Athleten ihre Vorbereitung im Heimatland, das von Jahren des Bürgerkriegs und Terrorismus gezeichnet ist, bestreiten mussten.
Die Teilnahme an sich ist für Sportler aus Somalia nicht ungefährlich. Die islamistische Al-Shabab Miliz lehnt Aktivitäten, die "westlich" anmuten, ab. Die beiden in London teilnehmenden somalischen Athleten erklärten wiederholt, sie und ihre Familien seien in der Heimat Drohungen via Telefon oder Facebook bedroht worden. Im April wurden der Präsident des Somalischen Olympischen Komitees, Aden Yabarow Wiish, und der Präsident des somalischen Fußballverbandes, Said Mohamed Nur, in Mogadischu getötet. Ende Juli wurde der U17-Torhüter Abdulkader Dheere Hussein von Unbekannten ermordet.
Für manchen ist eine Olympia-Teilnahme das Ticket in die Freiheit: Mehr als 20 afrikanische Athleten und Trainer, vorwiegend aus Äthiopien, Sudan oder Eritrea, haben sich während Olympia abgesetzt, so die "Neue Zürcher Zeitung". Für Omar jedoch war es das Ticket in den Tod.