• vom 04.06.2013, 17:27 Uhr

Sportpolitik

Update: 04.06.2013, 17:38 Uhr

Jacques Rogge

Quo vadis, Olympia?




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  • Olympia: Sechs Bewerber stellen sich der Wahl zum Nachfolger des scheidenden Präsidenten Jacques Rogge
  • Das internationale olympische Komitee steht vor einer richtungsweisenden Wahl.

Jacques Rogge verlässt das Präsidentenamt - doch wer rückt nach, und was ist von den Kandidaten zu erwarten? - © epa

Jacques Rogge verlässt das Präsidentenamt - doch wer rückt nach, und was ist von den Kandidaten zu erwarten? © epa

Stellen sich am 10. September zur Präsidentenwahl: Wu Ching-Kuo, Denis Oswald, Sergej Bubka, Thomas Bach, Ng Ser Miang, Richard Carrión (v.l.). epa

Stellen sich am 10. September zur Präsidentenwahl: Wu Ching-Kuo, Denis Oswald, Sergej Bubka, Thomas Bach, Ng Ser Miang, Richard Carrión (v.l.). epa Stellen sich am 10. September zur Präsidentenwahl: Wu Ching-Kuo, Denis Oswald, Sergej Bubka, Thomas Bach, Ng Ser Miang, Richard Carrión (v.l.). epa

Lausanne. (art) Als Jacques Rogge kürzlich auf dem Kongress der IOC-Exekutive über seinen nahenden Abschied als Präsident der Olympia-Vereinigung sprach, war fast ein bisschen Erleichterung herauszuhören. Die Jahre des Repräsentierens und Reisens werden für ihn bald vorbei sein. "Ich sehe mich schon auf der Ziellinie und das Banner, auf dem steht: 10. September 2013. Ich hoffe, ich werde dieses Ziel in guter Verfassung erreichen, das IOC meinem Nachfolger in starkem Zustand hinterlassen und meine Pflicht erfüllt haben", erklärte der 71-jährige Belgier. Am 10. September geht seine insgesamt zwölfjährige Amtszeit an der Spitze des internationalen olympischen Komitees zu Ende. Seine Ära wird trotz kleinerer Reformen - einem strikteren Anti-Doping-Kampf etwa, der stärkeren Einbindung von Frauen sowie der unter ihm ins Leben gerufenen Jugendspiele - im Wesentlichen dadurch in Erinnerung bleiben, dass er das Vermächtnis seines Vorgängers Juan Antonio Samaranch verwaltet hat.

Welche Richtung die olympische Bewegung für die kommenden Jahre einschlägt, wird sich im September in Buenos Aires entscheiden, wenn die IOC-Vollversammlung ihren neunten Präsidenten wählt. Wenige Tage vor Meldeschluss stehen sechs Kandidaten zur Auswahl - und diese für durchaus unterschiedliche Zugänge: der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach, der puerto-ricanische Banker Richard Carrión, Ng Ser Miang aus Singapur, die ukrainische Stabhochsprunglegende Sergej Bubka, der Schweizer Denis Oswald sowie der Taiwanese Wu Ching-Kuo.


Weiter wie bisher mit Bach?
Den Wahlkampf haben sie längst eröffnet, mit jener Mischung aus Dauerlächeln und gebotenem Ernst, die sie unverkennbar eher als Diplomaten und Politiker ausweist denn als Sportler, tauchten sie zuletzt vermehrt auf Empfängen und Veranstaltungen auf, schickten salbungsvolle Briefe an die IOC-Mitglieder und sprachen unermüdlich über die Werte der Fünf-Ringe-Bewegung. Konkretes war dabei wenig zu hören: Traditionen bewahren wollen sie alle, dabei aber offen und bereit für notwendige Veränderungen sein.

Viel mehr kann man aber ohnehin nicht erwarten: Olympischer Wahlkampf läuft doch ein wenig anders ab als politische Schlammschlachten: Diese verbietet der Ehrenkodex, dem sich das IOC in seiner weltverbesserischen Attitüde verschrieben hat. Dennoch kristallisieren sich zumindest bei den als Favoriten gehandelten Bewerbern Bach, Carrión und Ng Ser Miang klare Tendenzen heraus, was man von ihnen erwarten kann: Bach würde wohl die Linie von Samaranch/Rogge weitergehen, der 59-jährige ist ein Kind dieses Systems und hat nach seiner erfolgreichen Fechtkarriere so ziemlich alle Stationen im IOC durchlaufen. Als Chef der juristischen Kommission und der Disziplinarkammer hat er sich unter Rogge unverzichtbar gemacht, zudem ist er als geschickter Netzwerker und Taktiker sowohl mit den alten als auch mit den neuen Kräften aus Asien bestens verbandelt und nach drei erfolgreichen Bewerbungen für das Vizepräsidentenamt logischer Favorit. "Er hat die DNA aus Macht, Moneten, Verschwiegenheit und Medaillen", urteilte der "Spiegel" unlängst. "Ich fühle mich durch meine verschiedenen beruflichen Aktivitäten selbstbewusst, gut ausgebildet zu sein im internationalen Management und in der Menschenführung in den Bereichen Sport, Politik, Wirtschaft, Recht und Gesellschaft", sagt er selbst. Dass er den Gigantismus eindämmen will, sagt er auch - aber das sagte ja auch Rogge einst schon.

Passiert ist das freilich nicht, stattdessen gilt der Slogan "schneller, höher, stärker" heute mehr denn je für das IOC, was nicht unbedingt überall auf Gegenliebe stößt. Es hat sich längst zu einer Weltmacht entwickelt, seit Samaranch die Kommerzialisierung, die Professionalisierung und damit auch den Größenwahn erfolgreich einleitete. Finanziell bedeutet dies natürlich nichts Schlechtes - zumindest nicht für die Organisation selbst. Rogge bezifferte die Rücklagen anlässlich der Olympischen Spiele im Vorjahr auf rund 460 Millionen Euro, dank Sponsorenvereinbarungen, vor allem aber der Vergabe der Übertragungsrechte ist die Zukunft wohl auf Generationen gesichert. Erst kürzlich wurde der Rekord-Deal mit NBC für die Spiele 2014 und 2016 unterzeichnet, der dem IOC 4,382 Milliarden Dollar einbringt.

Maßgeblich dafür verantwortlich war Carrión, der seit 2002 als Direktor der IOC-Finanzkommission für die Geldbeschaffung zuständig ist. Dafür will er nun den Lohn in Form seiner Wahl zum Präsidenten einfahren, wenngleich er in Sportlerkreisen eher ein unbeschriebenes Blatt und bisher in Fragen abseits der Finanzen noch kaum in Erscheinung getreten ist.

Undurchschaubare Kriterien
Eine nicht unwesentliche Rolle könnte auch Ng Ser Miang spielen. Der Unternehmer aus Singapur gilt als Hoffnungsträger der aufstrebenden Sportmacht Asien und hat sich immerhin als Veranstalter der ersten Jugendspiele 2010 in Singapur einen Namen gemacht. Den weiteren Kandidaten - dem Pragmatiker Oswald, der zwar fachlich anerkannt ist, aber als nicht allzu leidenschaftlicher Lobbyist gilt, Bubka, dem mit 49 Jahren mit Abstand Jüngsten im Feld sowie dem Boxverbandspräsidenten Wu Ching-Kuo - werden indessen nur geringe Chancen eingeräumt.

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Schlagwörter

Jacques Rogge, IOC, Thomas Bach

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Dokument erstellt am 2013-06-04 17:29:05
Letzte ─nderung am 2013-06-04 17:38:04



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