• vom 10.02.2016, 16:47 Uhr

Sportpolitik

Update: 10.02.2016, 17:08 Uhr

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  • Bagdad will mit der größten Laufveranstaltung seit langem ein Signal setzen.

Ein buntes Läuferfeld wollte beim Lauf durch Bagdad Normalität vermitteln.

Ein buntes Läuferfeld wollte beim Lauf durch Bagdad Normalität vermitteln.© Reuters/Khalid al Mousily Ein buntes Läuferfeld wollte beim Lauf durch Bagdad Normalität vermitteln.© Reuters/Khalid al Mousily

Bagdad. (art) Es waren kleine Schritte für die Teilnehmer, viel zu klein für einen Marathon, wie die Veranstalter es nannten; aber es war ein großer Schritt für eine Botschaft. Man wolle zeigen, dass Bagdad wieder eine sichere Stadt sei, wurden die Verantwortlichen nicht müde zu betonen. Dass dies freilich durch die maschinengewehrbepackten Sicherheitskräfte, die entlang der Strecke patrouillierten, etwas relativiert wurde, machte ebensowenig aus wie die Tatsache, dass man es beim "Baghdad International Marathon" etwas kleiner gab: Anstatt über die volle Marathon-Distanz von 42,195 Kilometer zu laufen, nahmen die Teilnehmer Strecken zwischen 2, 4, 8 und 10 Kilometer in Angriff.

Doch, immerhin: Der Bewerb vor einigen Wochen war die erste große Laufveranstaltung in dem Land, das nach Jahren des Krieges, der internationalen Isolation sowie den Aufständen und der Zerrüttung nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein 2003 als sogenannter Failed State gilt und weite Gebiete in den Händen der Terrormiliz IS weiß. Mehr als 2000 Teilnahmer, darunter hauptsächlich Iraker, aber auch Läufer aus Marokko, Sudan, Ägypten, Äthiopien, Somalia, Libanon, Syrien und Jemen, Junge und Alte, Männer und Frauen sowie auch Menschen mit Behinderung, waren hierhiergekommen, um gemeinsam einen sportlichen Weg zurück zur Normalität zu finden. Schließlich war der Irak einst ein Zentrum des Laufsports in der arabischen Welt, in den Siebzigerjahren gab es hier regelmäßig internationale Laufveranstaltungen mit hoher Beteiligung.

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Doch das war, als das Land noch dank des hohen Ölpreises einen Bauboom und Aufschwung erlebt hat, an dem auch breitere Bevölkerungsschichten partizipieren durften; bevor das Leid der vergangenen Jahrzehnte, in denen hunderttausende Menschen ums Leben gekommen sind, Infrastruktur und Gesellschaft ausgehöhlt hat. Noch heute sind interreligiöse und -ethnische Konflikte an der Tagesordnung, Selbstmordanschläge alles andere als eine Seltenheit. Im vergangenen Jahr etwa sorgten das Attentat vor der Goldenen Moschee in Samarra, einem der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten rund 125 Kilometer nördlich von Bagdad, und eines auf einem Markt nahe Bagdads mit mehr als hundert Toten international für Schlagzeilen; erst im Jänner dieses Jahres wurden elf Menschen bei einem Anschlag in einem Einkaufszentrum in der Hauptstadt selbst getötet.

Die Terrorangst, sie war auch beim "International Marathon" nicht wegzuleugnen. Mohammed Dhaifallah, der Trainer von zwei jemenitischen Teilnehmern, sagte nach der Reise von dem einen kriegsgebeutelten Land ins nächste zur "New York Times": "Wir waren sehr besorgt. Wir haben uns Sorgen um die Sicherheit gemacht. Aber wir haben uns okay gefühlt, als wir gesehen haben, dass die Straßen voll von Autos und Menschen waren."

Große Ziele
Die Kraft des Signals, das man setzen wollte, überwog schließlich auch bei den anderen ausländischen Teilnehmern die Bedenken: "Ich bin hierhergekommen, um eine wichtige Botschaft zu verbreiten: Der Irak ist ein stabiles Land", sagte Mohammed Hussein, der Leiter der ägyptischen Delegation. "Ich habe den normalen Bus vom Flughafen genommen und bin am Abend ohne Begleitung spazieren gegangen. Es war normal." Auch wenn andere Läufer es vermieden, über Politik und die Gefährdungslage zu sprechen, konnten die Veranstalter zufrieden sein. "Bagdad ist eine großartige Stadt. Wir wollten etwas Spezielles für Bagdad tun", sagte Talib Al-Safar, der Präsident des irakischen Verbandes und selbst in den Siebzigern erfolgreicher Läufer. Nach der gelungenen Premiere träumt er sogar schon von mehr: "Nächstes Jahr wollen wir einen Halbmarathon haben und in Zukunft einmal einen vollen Marathon." Ein anderer der Organisatoren, Zaydoun Joward Mohammed, wiederum meinte zum "Wall Street Journal": "Wir wollen der Welt zeigen, dass der Irak stärker ist als der Terrorismus. Wir wollen der Welt zeigen, dass der Irak lebendig ist und das Leben hier normal ist." Zur Normalität ist es freilich noch ein weiter Weg. Immerhin machte man an jenem Tag kleine Schritte.




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Dokument erstellt am 2016-02-10 16:50:06
Letzte ─nderung am 2016-02-10 17:08:04



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