• vom 22.02.2017, 07:00 Uhr

Sportpolitik

Update: 27.02.2017, 14:15 Uhr

Olympia 2018

Vorgetäuschte Normalität




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Ein Jahr vor den Winterspielen in Pyeongchang kommt in Südkorea nur wenig olympische Euphorie auf - das Land hat ganz andere Sorgen.



Lee Hee-beom: als Organisationschef nicht zu beneiden.

Lee Hee-beom: als Organisationschef nicht zu beneiden.© ap Lee Hee-beom: als Organisationschef nicht zu beneiden.© ap

Pyeongchang. Wenn Lee Hee-beom dieser Tage Journalisten in Pyeongchang empfängt, dann spürt man förmlich, welch Belastung sein Job als Organisationschef der Winterspiele mit sich bringt: Nach neun Monaten im Amt wirkt der einstige Handelsminister um Jahre gealtert, dunkle Schatten umranden seine Augen. "Wir werden die erfolgreichsten Winterspiele veranstalten, die die Welt gesehen hat. Und auch die größten: Noch nie gab es so viele Medaillen", sagt Lee anlässlich des Ein-Jahres-Countdowns.

Der Südkoreaner ist gut darin, Normalität vorzutäuschen, wo Ausnahmezustand herrscht. Zwar läuft in Pyeongchang, im gebirgigen Osten des Landes, tatsächlich alles nach Plan. 98 Prozent der Sportstätten sind errichtet, sie sind allesamt in weniger als einer halben Stunde zu erreichen. Bei der Sponsorengewinnung hinken die Organisatoren nur marginal hinterher. Und auch mit den Kosten, die sich zwar um ein knappes Drittel höher zu Buche schlagen als ursprünglich geplant, käme man zurecht. Nur: Zweihundert Kilometer westlich, in der 10-Millionen-Einwohner-Metropole Seoul, steht niemandem der Sinn nach Winterspielen. Seit Monaten befindet sich Südkorea im größten innenpolitischen Skandal in der noch jungen Demokratie.

Werbung

Dieser drohte zuletzt auch, auf die Olympischen Spiele überzugreifen: Laut Ermittlungen der Untersuchungskommission soll die derzeit suspendierte Präsidentin Park Geun-hye einem ihrer Berater angeordnet haben, dem Schweizer Unternehmen Nüssli dabei zu helfen, einen hochdotierten Bauvertrag im Volumen von knapp 250 Millionen Euro für die Spiele einzuheimsen. Nur kurz zuvor hatte eine Jugendfreundin der Präsidentin, die momentan in Untersuchungshaft sitzt, einen exklusiven Beratervertrag mit Nüssli unterschrieben.

Zu dem Deal sollte es jedoch nicht kommen. Der vormalige Leiter des Organisationskomitees von Pyeongchang, Cho Yang-ho, hat die Pläne missbilligt. Kurz darauf ist er von seinem Amt zurückgetreten. Offiziell hieß es, Cho müsse sich um die Leitung seiner Hanjin-Gruppe kümmern, die in finanzielle Probleme geraten ist. Später kam jedoch heraus, dass die Kündigung von Präsidentin Park Geun-hye angeordnet wurde. Sein Nachfolger Lee Hee-beom bürgt persönlich dafür, dass die Winterspiele sauber ablaufen werden: "Ich habe nach dem Antritt meines Amtes jeden Vertrag neu überprüfen lassen. Es gab keine Unregelmäßigkeiten."

Dennoch drückt das politische Klima auch auf die Olympia-Stimmung. Zudem plagt die Organisatoren, die 70 Prozent der Ticketverkäufe auf dem heimischen Markt absetzen wollen, dass sportlich keine allzu großen Erfolge zu erwarten sind. Um den Medaillenspiegel aufzubessern, wird mit einer etwas unrühmlichen Methode nachgeholfen: Allein im Eishockeyteam wurden kurzfristig sechs Kanadier und ein US-Amerikaner eingebürgert. Auch die deutsche Rodlerin Aileen Frisch, die bereits ihre Karriere aufgeben wollte, wurde mit einem südkoreanischen Pass umgestimmt. Die Einbürgerung der Athleten hat nicht nur aus Fairness-Gründen einen zynischen Beigeschmack: Abgesehen von Nordkoreanern hat Südkorea erst 600 Geflüchteten Asyl gewährt.

Eine weitere Herausforderung war es, einen geeigneten Berghang für die Alpinabfahrt zu finden. Dem Vernehmen nach soll Pistenbauer Bernhard Russi verzweifelt mit dem Helikopter über das Taebaek-Gebirge geflogen sein, das eher an Schwarzwald denn an Dolomiten erinnert. Mit Mühe und Not fand man die heutige Jeongseon-Strecke, die die Mindestanforderung des IOC von 800 Metern Höhenunterschied knapp erfüllt. Der Start der Strecke liegt 1400 Meter über dem Meeresspiegel, mit 2857 Metern ist sie eher kurz geraten. Auch mit Naturschnee ist nicht unbedingt zu rechnen.

Für die Bewohner in Pyeongchang geht es jedoch um weitaus mehr als nur um Sport. Sie erhoffen sich einen wirtschaftlichen Aufschwung für die abgelegene und vergleichsweise rückständige Gegend. "Als Kind wollte ich nur so schnell wie möglich weg", sagt Choi Ji-eun, die als Freiwillige bei den Olympia-Vorbereitungen mithilft. Ihre Heimat habe sie stets als provinziell empfunden, die Winter als zu windig und kalt. Nach ihrem Schulabschluss zog Choi wie viele ihrer einstigen Klassenkameraden nach Seoul. Erst mit der Olympia-Bewerbung sei sie wieder zurückgekehrt. Im ersten Anlauf mussten sich die Koreaner zunächst gegen Vancouver geschlagen geben, vier Jahre später verlor man gegen Sotschi. Als es beim dritten Mal klappte, stand die gesamte Bevölkerung patriotisch geschlossen hinter den Spielen.

Es gibt wohl kaum ein Volk, in dessen kollektives Gedächtnis sich Sportereignisse derart eingebrannt haben wie bei den Südkoreanern. Die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul zementierten nicht weniger als die Aufnahme in die globale Gemeinschaft. Erstmals konnte sich der Tigerstaat als wirtschaftlich aufstrebende Demokratie präsentieren. In der Hauptstadt wurde nicht nur ein ikonisches Olympiastadion errichtet, sondern es wurden komplette Hochhausviertel und U-Bahnlinien aus dem Boden gestampft. Die Menschen erfüllte es mit Stolz, im medialen Scheinwerferlicht das jahrzehntelange Stigma von Armut, Militärdiktatur und Koreakrieg abzulegen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-21 17:45:08
Letzte nderung am 2017-02-27 14:15:07



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Italien kämpft gegen Schweden um WM-Ticket
  2. Schock nach Olympia-Aus sitzt tief
  3. Zum Siegen verdammt
  4. Schlagerspiel mit Personaldiskussion
  5. Tiroler Absage an Olympia
Meistkommentiert
  1. Peter Schöttel wird neuer ÖFB-Sportdirektor
  2. Tiroler Absage an Olympia
  3. Schock nach Olympia-Aus sitzt tief
  4. Abschiedsgeschenk für Koller
  5. "Wunderschöne Jahre"

Werbung



Werbung



Werbung